Der Weg zur Schule

 

„Bist du fertig, Paula“, hallt die Stimme der Mutter durch die Wohnung, „es wird Zeit, Inge kommt gleich.“ „Ja, ich komme, bin gleich da.“ Schnell kommt Paula in den Korridor gerannt.

Paula wohnt auf dem Dorf, einige Mütter haben sich zu einer Fahrgemeinschaft zusammen geschlossen, so braucht jede Mutter nur einmal in der Woche diese Aufgabe übernehmen.

Am Nachmittag wartet schon die Oma auf ihre Enkelin. Paula freut sich schon immer auf die Stunden mit der Großmutter. Sind die Hausaufgaben gemacht, spielen sie gemeinsam oder Oma erzählt und liest Geschichten vor. Als beiden heute gemeinsam Kaffee getrunken haben, sagt die Oma: „Weißt du eigentlich wie gut du es hast, dass du jeden Morgen mit dem Auto zur Schule gebracht wirst?“ „Das geht nicht anders“, meint Paula daraufhin, „der Weg wäre zu weit, so weit kann man nicht laufen.“ „Was meinst du was man alles kann, wenn man muss“, antwortete die Oma ihrer Enkelin. „Du bist es nicht anders gewöhnt und ich gebe zu, du hast einen weiten Schulweg. Als ich jedoch ein Schulkind war, konnten sich meine Eltern kein Auto leisten und das ging den meisten Menschen damals so. Uns blieb also gar nichts anderes übrig als diese fünf Kilometer zur Schule zu Fuß zu gehen. Ganz gleich ob es schneite oder ob die Sonne heiß vom Himmel brannte im Sommer. Die älteren Kinder fuhren mit dem Fahrrad. Wir kleinen jedoch aus der ersten und zweiten Klasse legten diesen Weg zu Fuß zurück. Einmal wurde ich im Winter von einem schweren Schneesturm überrascht. Man konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Ich hatte Angst weil ich den Weg nicht mehr sehen konnte. Du kennst das kleine Haus an der Bahn. Dort suchte ich Zuflucht und bat die Bewohner obwohl ich sie nicht kannte, ob ich dort bleiben könnte bis der Sturm vorbei war. Natürlich nahmen sie mich auf. Ich wartete nun am Fenster und hoffte meinen Weg bald fortsetzen zu können, wusste ich doch, dass meine Mutter sich sehr um mich sorgen würde.“ „Au weih, das stelle ich mir schlimm vor“, warf Paula ein. „Die Winter waren damals so kalt und die Sommer oft so heiß, dass wir Kälte- oder Hitzefrei bekamen.“ „Das hätte ich auch gerne. Zusätzliche Ferien“, freute sich die Kleine. „Oh nein, zusätzliche Ferien waren das nicht. Einmal in der Woche mussten wir in der Schule erscheinen und bekamen Aufgaben die wir bis zur nächsten Woche zu erledigen hatten.“ „Das macht ja keinen Spaß“. meinte Paula enttäuscht. „Nein, begeistert war ich von diesen zwangsfreien Pausen auch nicht, denn ich ging sehr gerne in die Schule. Am Schönsten war es jedoch dann ab der dritten Klasse für mich, als ich mein Fahrrad bekam.“ „Ich muss mal Mutti fragen, ob sie den Weg auch einmal mit mir gemeinsam läuft“, überlegte das Mädchen. „Sei froh, dass du es nicht brauchst und nutze die Zeit für das Spiel mit deiner Freundin“, meinte die Oma lachend. „Wenn wir beide im Sommer gemeinsam in den Urlaub fahren, können wir wandern gehen, dann kannst du mir zeigen wie gerne du zu Fuß unterwegs bist“, erinnerte die Oma ihre Enkelin an ihr Vorhaben. „Oh ja, darauf freue ich mich“, gab die Kleine zurück.

© ChT