Das eigensinnige Entlein

 

Tagelang hatte Entemutter Naak auf ihren Eiern gesessen. Oftmals gönnte sie sich nur einen Schluck Wasser oder mal auf die Schnelle ein wenig Futter. „Nur die Eier nicht so lange alleine lassen, sie brauchen Wärme“, dachte sie stets. Wie gerne hätte sie sich mal die Beine vertreten oder wäre einmal ein Stück auf dem nahe gelegenen Teich geschwommen.  Aber all das war erst wieder möglich wenn ihre Kleinen aus dem Ei geschlüpft waren.

„Hatte sich da etwas gerührt?“ Vorsichtig hob Naak ihren Flügel um nachzusehen, konnte jedoch noch nichts entdecken. Doch, da – war das nicht wie das Knacken einer Eierschale? „Mein erstes Kind“, lächelte Naak vergnügt vor sich hin als sie merkte wie es sich unter ihr bewegte. Ganz leicht machte sie sich. Hockte sich nur vorsichtig über die Eier, so dass sich die kleinen Entlein bewegen konnten ohne erdrückt zu werden und die noch nicht geschlüpften Eier genügend Wärme erhielten. Dies waren die schwersten Stunden für die Entenmutter. Vorsichtig schaute sie immer wieder unter sich ins Nest und sammelte mit ihrem Schnabel die leeren Eierschalen aus dem Nest. Das nur ja keins der Kleinen sich an den hartgetrockneten Schalen verletzen könne.

Endlich war es geschafft. Alle sieben Entlein waren aus dem Ei geschlüpft.  Naak stand auf und forderte mit einem freundlichen: „Naak, naak“, die Kleinen auf, ihr zu folgen. Munter purzelten sie aus dem Nest und schlossen sich der Mutter an. Nach dem ersten Erkundungsgang machte die Entemutter ihren Kindern klar, dass sie jetzt wieder ins Nest müssten. Alle kletterten bereitwillig zurück. In diesen wenigen Stunden, die sie auf der Welt waren, hatten sie eine Menge erlebt. Schnatt, die Jüngste, bummelte langsam hinterher. Sie schaute hierhin und dorthin und hatte noch so gar keine Lust ins Nest zurück zu kehren. Mutter Ente musste eine wenig energisch werden, sonst wären sie nicht mehr rechtzeitig zur Fütterung gekommen. „Du musst dich schon ein wenig an deine Geschwister halten“, mahnte sie.

Am nächsten Morgen war Schnatt zuerst auf den Beinen. Es drängte sie förmlich ins Freie. Kaum war die Stalltür offen, lockte Naak ihre Kinder hinaus, doch Schnatt war schon nicht mehr zu sehen. Sie hatte sich durch die erste freie Lücke gezwängt und war auf und davon. Traurig blickte sich Naak um. „Wenn ihr nur nichts passiert“, dachte sie. „Sicher kommt sie wenn sie Hunger hat abends alleine nach Hause“, tröstete sie sich dann wieder.  Mit den andren Entlein ging Mutter Ente zur ersten Schwimmstunde an den See. Die Kleinen tollten fröhlich im Wasser und ruhten sich ab und zu auf Mutters Rücken ein wenig aus. Müde und hungrig watschelten sie am Abend heim. An Schnatt hatte keiner gedacht. – Doch die Entenmutter hatte ihr Kind nicht vergessen, den ganzen Tag hatte sie sich Sorgen gemacht. Als sie nun in den Stall kamen und Schnatt immer noch nicht da war, meinte Naak: „Jetzt muss ich Schnatt suchen! Hier ist euer Abendessen, wenn ihr satt seid, kuschelt euch ins Nest. Ich bin bald zurück.“ Die Kleinen taten wie Mutter geheißen. Naak watschelte so schnell sie konnte über den Hof, schaute in alle Winkel und rief nach ihrem kleinen, verlorenen Entlein. Nichts, nirgends ein Ton! Als Naak schon bei der Kirschplantage war, vernahm sie ein leises, „naak, naak“. Schnell hatte Mutter Ente den Ort gefunden. In einem tiefen Erdloch hockte ihr Kleines. Neben der Grube war Erde aufgeschüttet. Der Bauer hatte Pflanzlöcher für neue Bäume ausgehoben, die am nächsten Tag gesetzt werden sollten. „Geh jetzt schön zur Seite, ich werde mit meinem Schnabel Erde in die Grube schaufeln. Soviel Erde, bis ein Berg entsteht auf dem du herauskrabbeln kannst.“ Naak hatte schon den ganzen Schnabel voller Sand und dachte manchmal kaum noch atmen zu können, so mühte sie sich um ihr Kind möglichst schnell zu befreien. „Hier bin ich“, ertönte  plötzlich hinter Naak eine Stimme. Freudig  umarmte sie ihr Kleines mit den Flügeln. „Nun aber schnell nach Hause, deine Geschwister warten schon.“ Schnatt war jeder Hunger vergangen, sie kuschelte sich nur noch  an ihre Geschwister und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen sagte Naak zu ihren Kindern: „Wenn wir heute zum Wasser gehen, passt gut auf, dass Schnatt nicht wieder verloren geht.“ Heute hatte Schnatt gar keine Lust auf Abenteuer, sie freute sich darauf den See kennen zu lernen. Ruhig und vergnügt watschelte am Abend die Entenfamilie nach Hause. Auch am dritten  Tag ging alles seinen Gang. Am vierten jedoch wollte Schnatt „wieder mal was erleben“ wie sie sich sagte. Diesmal blieb sie beim Morgengang zum See hinter den Anderen zurück und als Naak auf dem See ihre Kinder zählte, fehlte Schnatt. „Diesmal werde ich sie nicht suchen“, nahm sich die Entenmutter vor, „sonst lernt sie nie das folgen“.

Der Abend kam, Familie Ente verspeiste das Futter, das die Bäuerin liebevoll hergerichtet hatte und begab sich zur Ruhe. Auch am nächsten Morgen war noch nichts von Schnatt zu sehen. Als Familie Ente abends vom See heimkehrte, war es aus mit Naak´s Geduld.  „Kinder, ich muss eure Schwester suchen“, meinte sie und war auch schon verschwunden. Brav gingen die Entlein ins Nest und schnatterten noch eine Weile über ihre ungehorsame Schwester.

Naak suchte und rief, aber von Schnatt war keine Spur. Als sie schon aufgeben wollte hörte sie leises schnattern. Naak sah sich um, wo die Stimme wohl her käme? „Dort aus dem großen Häckselkasten könnte es gekommen sein“, dachte sie, „nur wie komme ich dort hinauf?“ Naak stimmte ein lautes Geschnatter an. Das weckte den Hofhund Nero. Der fing an zu bellen. Jetzt kam der Bauer aus dem Haus, ging zu Nero und fragte: „Was ist denn nur los, mein Guter?“ Nero bellte in Richtung des Häckslers und nun sah der Bauer Naak aufgeregt schnatternd hin und her eilen. „Was soll denn das“, dachte er „Willst du denn heute gar nicht in den Stall“, wandte er sich an Naak. In diesem Moment fiel sein Blick auf den Häcksler und nun sah er auch das kleine Entchen, wie es verzweifelt strampelte um heraus zu kommen und schon ganz kraftlos war. Vorsichtig hob er es heraus. „Wie bist du nur hier herein gekommen“, verwundert schüttelte der Bauer den Kopf und setzte Schnatt neben ihrer Mutter ab. Nur mühsam schleppte sich Schnatt bis zum Nest. In dieser Nacht hörte sie nicht auf zu jammern, solch Bauchweh quälte sie, da sie zuviel von den Rübenschnitzeln genascht hatte. Als Schnatt dann einen Tag im Stall bleiben musste, weil es ihr so schlecht ging, dass sie sich kaum rühren konnte, lief sie abends froh der Mutter entgegen. „Nie wieder laufe ich weg. Ich hab dich ja so lieb“, schnatterte sie Naak entgegen. Von nun an waren sie eine fröhliche Entenfamilie und hielten fest zusammen. (c) ChT