Wie der Mohn zu seiner roten Farbe kam

 

Wieder neigte sich ein Tag in der Schöpfungsgeschichte dem Abend entgegen. Gott Vater ging durch die Wiesen und Felder, sein Werk zu betrachten. Von allen Seiten lächelten ihm glückliche Blüten und Blumen entgegen. Sei es das kleine blaue Vergissmeinnicht, die gelbe Butterblume oder das lila Veilchen. Alle hatten heute ihre Farbe erhalten. Bei Tulpen und Rosen hatte Gott seinen Farbeimer ausgeleert und die unterschiedlichsten Farben verteilt. Zufrieden lächelte er seinen Geschöpfen zu und freute sich an ihrer Vielfalt.

 Plötzlich war ihm, als höre er leises schluchzen. „Wer kann das nur sein“, überlegte Gott, „an einem Tag, wo eitel Freude in der Natur herrscht.“ Er ging weiter und kam an einen Feldrain. Sofort erkannte er, wer hier so traurig war. „Wie konnte mir das nur passieren?“ Gott Vater tat das kleine Blümchen am Wegesrand leid. Hatte er doch glatt diese kleine, zarte Blume vergessen. Mit zarten, fast durchsichtigen Blütenblättern stand sie da und war unendlich traurig. „Was mache ich nur? Der letzte Tropfen Farbe ging für Tulpen und Rosen weg.“

„Au, au“, ertönte dicht neben ihm ein Aufschrei. Ein Vögelchen hatte versucht auf einer Rose zu landen, ohne der Dornen zu achten, nun war er von einem Dorn direkt ins Bäuchlein getroffen worden. Blut tropfte auf die Wiese, gerade dorthin wo unser Blümchen stand. Die zarten Blätter fingen den Blutstropfen auf und färbten sich sofort mit einer prächtig roten Farbe. Gott nahm das Vögelchen in die Hand und sprach ihm Trost zu. Zur Blume sprach er: „Dieses Rot steht dir so gut, dass es für immer deine Farbe sein soll.“ Glücklich schaute die Mohnblume zum Vögelchen auf und bedankte sich für diesen Tropfen Blut, der ihm seine prächtig rote Farbe verlieh. Das Vögelchen fühlte sich geborgen und vergaß schnell seinen Schmerz. Es versprach sich nie wieder auf eine Rose zu setzen.

© ChT