Die alte Mühle

 

Wenn man mit dem Auto die Landstraße entlang fährt, sieht man sie schon von weitem. Ihre Flügel recken sich in die Höhe und erinnern an längst vergangene Zeiten. An manchem Flügel ist schon ein Brett heraus gebrochen oder etwas locker. Trotzdem regt sie sich noch gespenstisch im Winde. Nimmt der Wind an Stärke zu, nimmt auch das Klappern der Mühlenflügel zu, ganz genau wie damals. Die Meisten, die vorbei fahren, freuen sich am Anblick des majestätischen Bauwerks.  Einige denken auch an die Zeit zurück, in der es noch einen Müller gab, der fleißig das Korn in den Trichter schüttete um unten das feine Mehl in Säcken aufzufangen. Längst steht die Mühle verweist und einsam.

Nur einer weiß, dass die Mühle auch heute noch nicht völlig einsam ist, das ist Malti, der Mühlengeist. Malti war schon zur Zeit des letzten Müllers hier eingezogen, er hatte diesem versprochen gut auf die Mühle acht zu geben. Malti ist ein guter Geist, der seinem Herrn gerne zu Diensten war. Nun waltete er schon über hundert Jahre allein auf der Mühle. Später wurde das Korn mechanisch gemahlen, seine gute, alte Mühle wurde nicht mehr gebraucht.

Eines Abends, Malti machte gerade seinen Rundflug, ging knarrend die Tür der Mühle. Ein Mann trat ein. Ganz still verhielt sich Malti um ihn nicht zu erschrecken. „Sollte er wieder einen neuen Müller bekommen?“ Der Mann sah sich in der Mühle um, dann breitete er seine mitgebrachte Decke über die alten Mehlsäcke, die dort wie vor hundert Jahren aufgestapelt lagen und legte sich schlafen. Ganz aufgeregt flog Malti seine Runde über ihm. „Was hat das zu bedeuten“, dachte er.

Als die Sonne schon hell am Himmel stand, erwachte der Mann. Er nahm seine Decke und ging. Lange noch beobachtete Malti, wie er an seinem Auto hantierte und endlich abfuhr. „Wieder nichts!“ Enttäuscht zog sich Malti in seine Mühle zurück und begab sich zu Ruhe.

„Wir haben so auf dich gewartet! Wo warst du nur so lange“, empfingen Klaus und Ede ihren Vater, kaum das er aus dem Auto ausgestiegen war. „Ich hatte eine Autopanne. Da es schon dunkelte, konnte ich das Auto nicht mehr reparieren und habe in einer Mühle übernachtet.“ „In einer Mühle?“ staunten beide Jungen voller Aufregung. „Ja in einer alten Mühle.“ „Du hast es gut, da möchten auch wir mal übernachten“, riefen Klaus und Ede. „Warum nicht“, lächelte Jörg. „Nun setze den Jungen noch einen Floh ins Ohr“, mischte sich jetzt die Mutter ein. „Darüber reden wir noch. Jetzt wird es aber Zeit, dass ihr in die Schule kommt!“ Fröhlich gab Jörg seinen Buben einen Stups.

Als die Kinder gegangen waren, wandte er sich an Jana: „Für eine Tasse Kaffee hast du doch noch Zeit?!“ Die Eltern nahmen nun gemütlich am Frühstückstisch Platz, bevor sie zur Arbeit aufbrachen und Jörg legte Jana seinen Plan dar. Schon lange hatten die Beiden gespart, um sich ein Haus zu kaufen. Nun hing Jörgs Herz an der alten Mühle. Er hatte schon genaue Pläne, wie er sie ausbauen könnte um darin zu wohnen. Erst war Jana nicht so begeistert von dem Vorschlag. Als ihr Mann aber immer mehr ins Schwärmen geriet, steckte die Begeisterung auch sie an. Am kommenden Wochenende wollten sie gemeinsam zu der Mühle fahren. Für Klaus und Ede sollte es eine Überraschung werden.

Ein Jahr später zog die Familie in die alte, neue Mühle ein. Alle waren begeistert von ihrem „Haus“. „Kein anderer hat es so gut wie wir“, riefen Klaus und Ede immer wieder aus. Malti freute sich über seine Gäste und erzählte den Jungen jeden Abend eine Gute Nacht Geschichte, indem er ihnen die schönsten Träume sandte, wie sie diese nie in der Stadt erlebt hatten und das lag an Malti.(c) ChT