Pit und Paula

 

In einem kleinen Häuschen, dicht am Waldrand, lebten Pit und Paula. Pit war sieben Jahre und Paula fünf Jahre alt. Die beiden Geschwister waren unzertrennlich. Wer sie auch sah, hätte nie nur einen der Beiden angetroffen. Pit und Paula waren viel auf sich gestellt, da ihre Mutti den ganzen Tag in der nahe gelegenen Kreisstadt arbeitete. Die Geschwister waren jedoch so brav und artig, dass sie die Mutti ohne Sorgen alleine lassen konnte. Mit den Tieren des Waldes hatten die Beiden sich von klein auf angefreundet. Sie verstanden sich so gut mit ihnen wie andere Kinder mit ihren Spielgefährten.

Wieder einmal war es Winter geworden, der Wald lag mit einem tiefen Schneekleid zugedeckt. Floxs, der Haushund der Familie, war als Dritter immer mit im Bunde. Wo die beiden Kinder auch waren, er war dabei. Floxs passte auf die Kinder auf und ließ sich durch nichts ablenken. Er war  sehr stolz auf die Aufgabe, die ihm die Mutter zugedacht hatte. Solange er im Hause war, würde den Kindern nie etwas zustoßen, dass hatte er sich fest vorgenommen.

„Komm Paula, siehst du den hohen Schnee? Wir wollen rodeln gehen“, rief Pit seiner kleinen Schwester zu als er morgens aus dem Fenster sah. Natürlich war Paula gleich bei der Sache. Sie konnte es kaum abwarten ins Freie zu kommen. Die Kinder nahmen ihre Schlitten und stiefelten los. Im Wald herrschte Stille nur ab und zu hörte man den Ruf eines Vogels. Als sie ein Stück durch den hohen Schnee gestapft waren, meinte Paula: „Sieh Pit, dort bei dem Abhang wollen wir unsere Schlitten sausen lassen.“ „Nein, Paula, der ist mir zu flach, komm noch etwas weiter. Ich weiß dort einen tollen Berg, habe ihn mal gesehen als ich mit Vati durch den Wald ging.“ „Mir werden schon die Beine müde, komm lass uns auf meinem Berg rodeln.“ „ Ach Paula sei kein Spielverderber, der Schnee ist heute so toll, da muss man einfach einen richtigen Rodelberg haben.“ Paula ward stille, und trabte weiter tapfer ihrem Bruder hinterher. „Pit, merkst du wie es dunkler wird? Es ist doch erst Vormittag, das kann doch gar nicht sein.“ „Nun maule doch nicht schon wieder, wir sind im Wald, da kann das Licht nicht so durch die Bäume.“ Paula wurde immer unheimlicher zu Mute. Es dauerte auch gar nicht lange und ein heftiger Schneesturm kam auf. Pit und Paula konnten sich nicht mehr sehen. Paula fing an zu weinen. Der Wald wurde so dunkel, als es sei Nacht. Auch Floxs konnte sich nicht mehr orientieren. Der Sturm nahm ihm die Möglichkeit sich auf seine Nase zu verlassen. Nach ewig langer Zeit, so schien es Paula, riss der Himmel wieder auf und Paula sah sich erst einmal mir rot geweinten Augen um. „Pit, da bist Du ja schluchzte sie.“ „Ja Paula, nur gut, dass wir uns wieder haben, es tut mir leid, das ich nicht auf dich gehört habe und so weit in den Wald hinein wollte.“ „Wo ist denn eigentlich Floxs? Floooxs!“ rief Pit. Aber kein Floxs war weit und breit zu sehen. Die Kinder suchten und sie merkten, dass sie nicht mehr dort waren, wo der Schneesturm sie überrascht hatte. „Wo sind wir nur?“, fragte Paula, „kennst du die Gegend?“ „Nein, hier war ich noch nie. Wie sind wir nur hier her gekommen?“ Jetzt wurde es auch Pit unheimlich zumute.

Als sie zum Himmel sahen, erblickten sie die Sonne, aber auch sie sah nicht aus wie gewöhnlich, sondern wie in Eis gegossen. Jetzt erst merkten sie, dass sich etwas verändert hatte. Da kam ein Schneemann auf sie zu: „Wie seit ihr denn hier her gekommen?“ erkundigte er sich. Ein Schneemann, der sprechen kann, dachten die Kinder gleichzeitig und sie erzählten ihm ihre Geschichte. „Oh, oh“, meinte da der Schneemann. Ihr seit vom Schneesturm in das Reich des Eises entführt worden, es wird schwer für euch sein hier wieder heraus zu kommen!“ „Kannst du uns helfen?“ fragte die Kinder aufgeregt. „Ich kann euch leider nicht helfen, da ich hier her gehöre und nur im Reich des Eises leben kann, aber wenn euch der Pinguin begegnet, der könnte euch helfen, da er bei den Menschen und im Reich des Eises leben kann.“ „Oh, wo finden wir ihn nur“, fragte Paula und kämpfte mit den Tränen.  „Wir müssen ihn einfach finden“,  tröstete sie Pit.

Inzwischen war auch im Menschenreich der Schneesturm zu Ende gegangen und Floxs suchte seine Kinder. Schnüffelnd und jaulend strich er durch den Wald. Aber nirgends konnte er eine Spur von seinen Freunden entdecken. Mit hängender Rute und gesengtem Kopf trottete er nach Hause. Der Tag neigte sich dem Abend zu, die Mutter kam nach Hause. „Paula, Pit“, rief sie. Aber keiner meldete sich. Die Mutter war sehr erstaunt, denn sonst kamen ihre Kinder ihr freudig entgegen gestürmt wenn sie nach Hause kam. „Floxs wo bist du“, rief nun die Mutter. Da kam Floxs heran geschlichen und jaulte wieder. „Floxs, was ist los“, wunderte sich die Mutter. Der Hund lief immer wieder Richtung Wald. „Was soll das heißen Floxs“, fragte die Mutter, „willst du sagen die Kinder sind im Wald und du bist hier?“ Wieder jaulte Floxs vor Kummer. „Floxs ich verstehe dich nicht, aber du wirst mir jetzt den Weg zeigen und wir werden die Kinder gemeinsam suchen.“ Sofort rannte Floxs los um zu zeigen wo er die Kinder verloren hatte. Als sie den Abhang erreicht hatten setzte er sich in den Schnee und jaulte los. „Ach wenn ich dich doch nur verstehen könnte“, meinte die Mutter. „Hier ist weit und breit kein Mensch, was meinst du bloß?“ Aber leider konnte Floxs nicht sprechen und darum schaute er nur traurig zu Boden. Die Mutter sah sich noch einmal um und ging dann nach Hause. Ich werde warten bis der Vater vom Dienst kommt und dann mit ihm gemeinsam suchen, dachte sie und ging traurig nach Hause. Es begann bereits zu dunkeln als der Vater nach Hause kam. „Es ist etwas furchtbares passiert“, lief ihm die Mutter entgegen. „Unsere Kinder sind nicht mehr da! Floxs saß hier zu Hause und führte mich, als ich ihn fragte in den Wald. Dort habe ich sie aber auch nicht gefunden! Die Schlitten sind auch verschwunden, wo ich auch suchte, es war keiner von Beiden zu finden!“  „Nun beruhige dich erst einmal“, tröstete der Vater, „unsere Kinder sind vernünftig genug um auf sich auf zu passen, denen passiert so schnell nichts. Pit ist groß und kennt sich aus im Wald.“ Im Stillen hatte er jedoch auch Angst um die Kinder. Nun gingen sie gemeinsam auf die Suche nach den Geschwistern, jedoch umsonst. Als es schon dunkel war kehrten sie betrübt nach Hause zurück. Die Eule beobachtete das Treiben im Walde und dachte sich ihren Teil. Sie hatte beobachtet was der Schneesturm wieder angerichtet hatte und wusste wo Pit und Paula waren. Da muss man helfen dachte sie und flog los. Sie wusste wo sie den Pinguin finden konnte. Das war zwar ein weiter Weg, aber Frau Eule half immer wo sie nur konnte.

Inzwischen war es auch im Reich des Eises Nacht geworden. Pit und Paula hatten sich dicht zusammen gekuschelt und unter der Wurzel eines dicken Baumes ein Nachtlager gefunden. Natürlich konnten sie lange nicht einschlafen. “Schau mal                     Paula dort in der Ferne“, flüsterte Pit. Paula sah hin und staunte ebenfalls. Da lief ein Eisbär und hatte einen Pinguin auf dem Rücken. Die Kinder getrauten sich                      jedoch nicht sich zu melden, da sie Angst vor dem Eisbären hatten. „Komm Paula schlaf ein wenig, morgen werden wir den Pinguin schon finden“, tröstete Pit seine kleine Schwester.

Als die Kinder erwachten, kamen ihnen zuerst einmal die Tränen als sie sich ihrer trostlosen Lage bewusst wurden. Auch der Hunger meldete sich, aber Pit tröstete seine Schwester: „Komm jetzt müssen wir versuchen den Pinguin zu finden.“ Um nicht zu verdursten aßen sie von dem Schnee den es in Hülle und Fülle gab.

Nachdem sie ein Stück gelaufen waren, sahen sie  in einem Eisblock eingeschlossen einen jungen Hirsch. „So geht es uns auch, wenn wir nicht bald den Pinguin finden“, jammerte Paula.  Pit sah ihre Lage genauso, aber er wollte nicht aufgeben. Weiter suchten die Kinder und begegneten einem Fisch, der auf dem Eise schwamm. „Wie hältst du das aus?“, fragte Pit  den Fisch. „Ich habe mich daran gewöhnt“, antwortete der Fisch. „Ich stamme aus dem Eismeer. Als die Schneefee mein Wasser in Eis verwandelte passte ich mich schnell der Situation an. Für euch aber wird es höchste Zeit hier raus zu kommen, wer länger als einen Tag im Reich des Eises ist, wird auch zu Eis verwandelt.“ Jetzt konnte Paula nicht mehr getröstet werden. „Hast du das gehört“, rief sie ihrem Bruder zu. „Wir haben noch drei Stunden, dann werden wir auch zu Eis wie dieser Hirsch!“ „Eben“,  meinte Pit,  „drei Stunden haben wir noch, in der Zeit kann viel passieren. Höre bitte auf zu weinen sonst bekommst du Eiszapfen an den Wangen und das tut weh.“ Paula hörte auf zu weinen, die Traurigkeit in ihrem Herzen konnte sie aber nicht abstellen. Also ging es weiter und nach einem Stück Weges sahen sie von weitem im Schneegestöber einen goldenen Hirsch leuchten. „Der bringt uns Glück“, rief Pit aus. „Hast du diesen wunderschönen Hirsch gesehen?“ Auch Paula staunte über den Anblick des Hirsches und wurde für einen winzigen Moment fröhlich. Aber da sahen sie auch schon weit in der Ferne einen Pinguin auf sich zukommen. „Pit, Pit sieh doch mal“, rief Paula und ihre Stimme überschlug  sich fast vor Freude. „Da kommt ein Pinguin, der hilft uns bestimmt.“

Die Kinder jauchzten und winkten mit den Armen in der Luft, das der Pinguin sie ja nicht übersehen solle. Da war er aber auch schon bei ihnen und rief: „Frau Eule hat mir erzählt, dass eure Eltern euch suchen und das ihr vom Schneesturm ins Reich des Eises entführt wurdet. Kommt, kommt schnell ich zeige euch den Weg. Aber wir müssen uns beeilen. Wenn die Schneefee zurück kommt müssen wir fort sein, sonst holt sie euch zurück und ich darf ihr Reich nicht mehr betreten.“ Pit setze Paula auf den Schlitten da sie kaum noch laufen konnte und lief selbst so schnell er konnte dem Pinguin hinterher. Kaum hatten sie das Reich des Eises verlassen, sahen sie auch schon den Schneesturm heranstürmen, den die Schneefee geschickt hatte. Der hatte jedoch keine Macht mehr über die Kinder. Die Grenze seines Reiches   hatten die Kinder bereits überschritten. Die Sonne freute sich als sie das sah und dachte, „da da haben der Pinguin und Frau Eule der Schneefee wieder ein Schnippchen geschlagen.“

Paula war so müde, das sie von dem allen gar nichts mehr mitbekam. Als die Fahrt los ging war sie auf dem Schlitten vor Erschöpfung eingeschlafen. Auch der Schneemann jubelte als er das Gespann kommen sah. Aus der Ferne sah Pit schon das Haus der Eltern und eilte noch schneller.  Wie freuten sich Vater und Mutter als sie ihre Kinder wieder hatten, es gab viel zu erzählen.  Sie konnten es kaum glauben, dass sie alles so gut  überstanden hatten. Auch Floxs konnte sich kaum halten vor Freude endlich seine Kinder wieder zu sehen. Als die Geschwister abends im  Bett lagen und der Mond durchs Fenster sah, fragten sie sich, haben wir das eben geträumt oder haben wir es wirklich erlebt. Beide schliefen selig ein.