Pit und Paula in den Ferien

 

Bereits am frühen Morgen lachte die Sommersonne heiß vom Himmel. Nur noch wenige Tage trennten die Kinder von den ersehnten Ferien. „Wo fahrt ihr in diesem Jahr hin“, wurde Paula von ihrer Freundin gefragt. „Meine Eltern haben einen Flug nach Portugal gebucht. Ich freue mich schon riesig, morgen werden wir die Koffer packen.“ „Wir fahren in diesem Jahr nicht fort, unser Vater bekam keinen Sommerurlaub“, entgegnete Paula. „Oh, ihr Armen, das werden ja furchtbar langweilige Ferien werden. Wenn ich aus Portugal zurück bin, sehen wir uns gemeinsam die Fotos an und ich erzähle dir von der Reise“, versuchte Birgit zu trösten. „Vielleicht habe ich dir viel mehr zu erzählen“, erwiderte Paula. „Ich kann ja verstehen, dass du traurig bist, weil ihr nicht weg fahrt, aber solchen Unsinn musst du doch trotzdem nicht erzählen.“ Birgit wurde jetzt richtig ein bisschen sauer. „Ich erzähle keinen Unsinn! Pit und ich haben uns einen Plan gemacht. Die verschiedensten Touren haben wir entworfen, die wir gemeinsam mit dem Rad unternehmen werden.“ „Mit dem Fahrrad“, nun lächelte Birgit etwas verächtlich. „Ich kann jeden Tag mit dem Rad unterwegs sein, das ist doch kein Urlaub!“ „Wir übernachten unterwegs im Zelt. Solche Dinge erlebst du nicht jeden Tag. Wir werden ja am Ende sehen, wer mehr erlebt hat, du oder wir“, schloss Paula das Gespräch ab. „Also Tschüs bis Morgen, hoffentlich fallen die Zeugnisse nicht zu schlecht aus.“

„Hast du auch an alles gedacht?“, fragte Paula ihren großen Bruder am Abend. „Ich denke schon. Zelt, Luftpumpe, Ersatzschläuche für das Fahrrad und natürlich Verpflegung. Wenn dir jedoch noch was einfällt, sag es ruhig“. forderte Paul nun seine Schwester zum mitdenken auf. „Du wirst das schon machen.“ Beruhigt lächelte Paula ihrem Bruder zu.

Am kommenden Morgen, in aller Frühe brachen die beiden Kinder zu ihrer ersten Fahrradtour auf. Ihr Ziel führte sie in die Berge, an einem Turm vorbei, an dessen Fuße sie  ihre erste Rast halten wollten. „Bin ich k.o.“, rief Paula aus als sie nun ihr erstes Etappenziel erreicht hatten. „Du fängst ja zeitig an zu stöhnen.“ Pit amüsierte sich über seine Schwester, die vor der Fahrt, die Etappenziele viel weiter stecken wollte. „Ja, du hast wie immer recht gehabt, ich dachte ja nicht, dass es so anstrengend ist.“ „Na komm, setzt dich erst mal meine Kleine und stärke dich, dann wird’s schon wieder gehen.“ Paula ließ sich das nicht zweimal sagen und hatte sich schon auf der Decke ausgestreckt. 

Mit großem Appetit machten sich die Kinder  über die mitgebrachten Köstlichkeiten her. Da frische Luft bekanntlich Hunger macht, hatten sie schnell mehr von ihrem Proviant vertilgt, als sie sich vorgenommen hatten. „Schau mal wie schön es hier ist“ Paula hatte sich  etwas                           erholt. „Wollen wir für heute hier bleiben?“ „Wir werden uns noch ein Weilchen hier umsehen, dann geht es weiter“, entschied Pit. „Wir haben es den Eltern versprochen, dass wir bei Werners im Garten übernachten.“ „Da ist doch auch keiner außer uns. Komm sei nicht so, wir brauchen es ja nicht zu erzählen“, bat Paula weiter. „Wenn es nachher dunkel wird und das Käuzchen anfängt zu rufen, bist du die Erste, die es mit der Angst bekommt. Dann können wir aber nicht mehr weiter.“ Pit  ärgerte der Starrsinn seiner Schwester. „Ich verspreche dir, ich werde nicht jammern. Stell dir doch mal vor, was wir heute Nacht alles erleben könnten. In der Schule werden sie uns beneiden, wenn wir davon erzählen.“ Pit überlegte angestrengt. Auch ihn reizte das Abendteuer, aber hier hatte er alleine die Verantwortung für sich und seine Schwester. „Gut, ich bin einverstanden, aber beschwer dich nicht hinterher.“

Nun wurden der Turm und seine Umgebung genauer unter die Lupe genommen. „Kannst du dir vorstellen, wie früher hier die Ritter ihr Unwesen trieben?“ „Das muss toll gewesen sein. Gerne hätte ich in der Zeit gelebt!“ „Ohne Fernseher und deine Lieblingsserien?“ Pit neckte seine kleine Schwester. „Du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben.“ „Hab’s ja nicht so gemeint, auch ich würde gerne einmal diese Zeit erleben.“ „Nun wird´s aber Zeit das Zelt aufzubauen“, brach Pit die Träumereien ab. „Du kannst dich ja hier noch eine Weile umsehen. Lauf aber nicht zu weit fort, dass ich dich nachher suchen muss.“ „Ist doch Ehrensache!“ Paula kletterte auf den Turm und besah sich die Gegend aus luftiger Höhe. Als sie hinunter kam, war Pit bereits mit dem Zelt fertig. „Das hast du aber gut hinbekommen“, lobte Paula nun ihren großen Bruder. „Was hältst du von einem kleinen Lagerfeuer?“ „Das geht nicht, im Wald darf man kein Feuer machen. Vielleicht bei unserer nächsten Tour, wenn wir am Wasser zelten“, klärte Pit seine Schwester auf.

Der Tag ging seinem Ende zu, die Tierwelt der Nacht erwachte. Es raschelte im Laub, der Ruf der Eule schallte durch die Bäume. Ein wenig mulmig wurde Paula nun doch zu Mute. „Pitt, darf ich deine Hand haben?“ Vor dem Einschlafen tastete Paula nach ihrem Bruder. Eine Wolke hatte sich vor den Mond geschoben, so finster war es, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. „Pit hörst du das?“ Paula versetzte ihrem Bruder einen Buff in die Seite. „Was soll ich hören? Gib jetzt Ruhe und schlaf!“ „Aber da draußen ist jemand, dass musst du doch hören!“ Paula kroch immer dichter an ihren Bruder heran. Jetzt war Pit endgültig wach. Vorsichtig lüftete er ein wenig den Reißverschluss und schaute in den nächtlichen Wald. Die Wolken hatten sich verzogen und der Mond ließ die Natur in hellem Licht erstrahlen. Nun bekam Pit den Mund vor Staunen nicht mehr zu. „Was siehst du?“, flüsterte Paula. Noch immer konnte Pit nicht antworten und starrte wie gebannt durch den Spalt im Zelt. „Paula, da draußen lebt das Mittelalter“, flüsterte er nun zurück. „Waas??“ „Paula, wir befinden uns in der Geisterstunde, es muss zwischen zwölf und ein Uhr sein.“ „Du willst sagen, es spukt da draußen. Lass mich auch mal sehen.“ Nun drängte Paula ihren Bruder zur Seite.  Eine Stunde lang beobachteten die Beiden das Treiben am Turm. Dann war der Spuk zu Ende. Noch lange konnten die Kinder keine Ruhe finden und schliefen erst ein, als im Osten schon der Morgen graute.

„Da sage noch einmal einer, zu Hause Urlaub machen ist langweilig“, meinte Pit als sie auf den Hof der Eltern einbogen. „So spannend ist es bei Birgit in Portugal gewiss nicht“. lachte Paula nun auch.

 (c) ChT