Ein Schutzengel für Katrin

 

Vor wenigen Wochen hatte Katrin das Licht der Welt erblickt. Von Eltern und Großeltern liebevoll umsorgt und gehegt, sollte sie heute getauft werden. Oma Gerda hatte sich für diesen Tag eine ganz besondere Überraschung ausgedacht.

„Meine liebe, kleine Katrin“, sagte Oma nach der Taufe, „ich habe hier einen Schutzengel für dich. Du wirst größer werden und wir können nicht immer an deiner Seite sein. Sue, dein Schutzengel, wird dich überall hin begleiten.“ Oma Gerda stellte einen zwanzig Zentimeter großen Engel auf das Schränkchen neben Katrin Wiege, der eher einer Elfe glich, als einem Engel. Mit einem zauberhaften weißen Kleidchen, zwei zarten Flügeln, einem lieblich lächelnden Gesichtchen und blonden langen Locken. Egal wo sie ihn auch aufgetrieben hatte, Jutta lachte und meinte: „Nun übertreibst du aber Mutter, wie soll solch ein Püppchen mein Kind beschützen? Vielleicht spielt Katrin eines Tages damit, dann wäre er nicht ganz nutzlos.“ Oma Gerda ließ sich nicht verunsichern „Jeder Mensch braucht einen Schutzengel, auch Katrin. Wart ab, du wirst schon sehen.“ „Nun aber Schluss mit Dramatik, kommt zum Essen“, forderte Jutta ihre Gäste auf.

Die Jahre vergingen, Katrin war ein hübsches, kleines Mädchen geworden. Sue stand noch immer auf dem Schrank. Ab und zu nahm Katrin ihren Engel in den Arm, lächelte ihm zu und stellte ihn wieder an seinen Platz zurück. Er war ihr eine liebe Erinnerung an Oma Gerda, die sie leider nicht so oft sehen konnte.

„Nun bist du schon ein richtig großes Mädchen“, lobte Mutti eines Tages. „Heute Abend gehen Vati und ich ins Kino, Frau Lehmann schaut ab und zu bei dir rein.“  „Ist schon gut“, entgegnete Katrin.

Der Abend kam, Katrin schlief wie immer schnell ein. Die Eltern gaben Frau Lehmann den Wohnungsschlüssel und erlebten einen schönen Kinoabend. Als Katrin hörte wie die Wohnungstür sich schloss, wurde sie aus ihrem ersten Schlaf geweckt. Jetzt wurde ihr klar, dass die Eltern gegangen waren. Sie setzte sich im Bett auf, leise rannen ihr die ersten Tränen über die Wangen. Katrin vergrub sich in ihr Kissen und ließ den Tränen freien Lauf.  Im selben Moment schlüpfte Sue auf ihr Deckbett und sang leise für Katrin ein Schlaflied. Das Lied, das sonst immer die Mutter sang. Katrin horchte auf und als sie sah, dass Sue auf ihrem Bett saß und sang musste sie lächeln, nun freute sie sich so sehr über ihren kleinen Engel, dass sie ganz schnell ihren Kummer vergaß. Als Frau Lehmann ins Zimmer schaute, schlief Katrin fest mit einem Lächeln im Gesicht. Am nächsten Morgen erzählte Katrin der Mutter von Sue, diese meinte nur: „Ich wusste doch, du wirst dein Püppchen lieben.“

Ein paar Jahre später kam Katrin zur Schule und schon bald ging sie ihren Schulweg alleine. Nur bei einer Ampel musste sie die Straße überqueren, dann war sie zu Hause. Die Farben der Ampel kannte Katrin schon im Kindergarten. Auch heute wollte sie bei grün über die Ampel gehen, als wie aus dem Nichts ein Motorrad auf sie zu geschossen kam. Katrin war so entsetzt, dass sie weder denken noch reagieren konnte. Genau in diesem Moment wurde sie nach hinten auf den Bürgersteig gezogen. Katrin begriff, dass sie gerade einem schlimmen Unfall entgangen war. Als sie sich umsah, wer sie wohl gerettet hatte, war weit und breit kein Mensch zu sehen. Jedoch hörte sie eine Stimme „Ich bin´s dein Schutzengel.“ Daheim bedankte sich Katrin bei Sue.

Ein Jahr später stand Katrin mit ihren Freundinnen auf dem Schulhof. Sie unterhielten sich über die bevorstehenden Ferien. Katrin war mächtig stolz auf ihre neue Jacke, die sie erst gestern bekommen hatte. Sie dachte daran wie sie diese selbst ausgesucht hatte. Ein älterer Schüler kam auf die Mädchen zu, gab dumme Sprüche von sich und griff nach Katrins Jacke. „Lass das“, forderte diese ihn auf. Gerade wollte er Katrin die Jacke mit einem geübten Griff vom Leibe reißen, als wie auf Bestellung ein zweiter Schüler, etwas im selben Alter auftauchte und dem Ersten einen mächtigen Kinnhaken verpasste. Er taumelte, schaute sich um, sah jedoch Niemand außer den Mädchen. Wütend, sich das Kinn reibend, ging er davon. Katrin hörte wieder die Stimme: „Das war ich, dein Schutzengel.“ Sie lächelte in sich hinein, glücklich über ihren Schutzengel. Ihre Freundinnen konnten das Ganze nicht begreifen.

So ging es in Katrins Leben weiter. Kam sie in eine Gefahr, war Sue an ihrer Seite. Als sie eines Tages Mutter eines kleinen Mädchens wurde, schenkte sie diesem zur Taufe ihren Schutzengel. „Nun musst du auf uns Beide aufpassen, aber an erster Stelle steht jetzt klein Marie“, sagte Katrin an diesem Tage zu Sue und stellte den Schutzengel ins Kinderzimmer. „Du bist genau wie Oma“, lächelte Katrins Mutter, die nicht glauben wollte, wie oft Sue geholfen hatte. (c) ChT