Das Geheimnis des Moors

 

Tief im Wald, hinter dem Dickicht der alten Tannen, beginnt seit Jahrhunderten das Moor. Vieles hat der Wald schon in dieser Zeit erlebt und gesehen, das Moor jedoch war unveränderlich. Die Menschen im Dorf erzählten sich: „Geh nie durch das Tannendickicht, denn dort beginnt das Reich des Moorherren, wen er erst einmal in seiner Hand hat, den lässt er nie wieder los.“ Daran hatten sich die Menschen gehalten. Es war nie sonderlich aufregend bei ihnen gewesen, aber es war ihnen auch immer gut gegangen. Keinem von ihnen war ein Leid zugestoßen.

Auch Peter hatte diese Sage vom Moor gehört, aber sie nie wirklich ernst genommen. „Wenn ich groß genug bin, um alleine in den Wald zu gehen, sehe ich mir das Moor an.“ Dieses feste Vorhaben, war für ihn wie ein Versprechen geworden. Peter war älter geworden, seine großen Ferien hatten begonnen. Sein Ziel lag eisern vor ihm. „Kommst du mit?“ fragte er am letzten Schultag seinen Freund Gerd, dem er schon lange von seinem Plan erzählt hatte. Oftmals hatte ihn Gerd aufgezogen und gemeint „Du wirst das Moor nie sehen, wagst dich ja doch nicht hin.“ „Ob Peter seinen Plan wirklich ausführen würde“, überlegte Gerd als dieser ihn fragte. „An mir soll’s nicht liegen“, tönte Gerd nun lauthals, damit alle sehen konnten, was für ein Kerl er sei. „Gut, dann sei Montag um acht Uhr bei mir, mit Rucksack. Bist du nicht pünktlich, gehe ich allein.“ „Dann bis Montag“, antwortete Gerd, der es noch nicht recht glauben wollte, dass Peter es ernst meinte.

Montag früh, Gerd hatte sich pünktlich eingefunden, wanderten die Beiden los. Als die Kinder  das Tannedickicht  bis zur Hälfte bewältigt hatten und fast nichts mehr sehen konnten, so dunkel war es hier am Tage, meinte Gerd: „Du hast mir ja nun deinen Mut bewiesen, komm lass uns umkehren.“ „Seit ich diese Sage vom Moor das erste Mal hörte, zieht es mich magisch an diesen Ort. Ich muss dort jetzt hin, egal ob du mit kommst oder nicht.“ Was Peter sich einmal vorgenommen hatte, setzte er auch durch. Gerd gefiel es schon längst nicht mehr, wie die Tannennadeln ihm ins Gesicht schnitten, wenn sie sich an den immer dichter werdenden Bäumen vorbei drängten. Er hatte mehr mit einem Scherz Peters gerechnet und gedacht: „Ich warte bis er aufgibt, dann kann ich mich immer noch großzügig zeigen und einwilligen umzukehren. Nun war es anders gekommen. „Komm Peter, wir sind doch Freunde, lass uns umkehren“, bat Gerd erneut. „Du wusstest vorher wo ich hin will, dann geh halt allein zurück.“ Weiter und weiter drückte sich Peter durch die Tannen, da endlich war der Tannenwald plötzlich zu Ende und ein dunkler schwarzer Waldsee lag vor ihnen. Keine Vogelstimme und kein Laut eines anderen Waldtieres regte sich, es war als ob sich nicht einmal die Luft bewegen würde und der Wind seinen Atem eingestellt hatte. Bisher hatten die Jungen die Stille um sich her gar nicht gemerkt, da sie voller Spannung waren. Erst jetzt fiel ihnen auf, dass es schon längere Zeit unheimlich still um sie her war.

„Bitte, besinn dich, es ist immer noch Zeit zur Umkehr, geh nicht zum Moor“, bat Gerd und hielt sich wie Schutz suchend an einer alten Tanne fest. Peter jedoch hatte sich dem Moor schon beträchtlich genähert. „Nun komm schon, du siehst doch ich lebe noch“, spöttelte Peter, obwohl ihm auch nicht ganz geheuer zumute war. Nie jedoch hätte er dies zugegeben. Immer mehr näherte er sich dem Moor. Als er direkt am Rande des Teiches stand rief er: “Moorherr, hier bin ich, wenn es dich gibt dann zeig dich!!“ Gerd hielt vor Angst den Mund offen, aber nichts rührte sich. Noch einmal rief Peter, wieder rührte sich nichts. „Davor haben die Menschen im Dorf nun solche Angst, dabei ist hier niemand. Nicht einmal ein Fuchs verläuft sich hierher. Jetzt rief er mit voller Stimme und lachte schallend, dass  es böse von der anderen Seite des Moores herüberhallte.

Plötzlich wie aus dem Nichts griff eine gewaltige Hand aus dem Moor und Peter ward nicht mehr gesehen. Als Gerd sich von seinem ersten Schreck erholt hatte und wieder in der Lage war sich zu bewegen, vergaß er alle Furcht um seinem Freund zu helfen. Mutig näherte er sich dem Moor, um noch eine einzige Kleinigkeit von Peter zu entdecken. Aber soviel er auch suchte, nichts, aber auch gar nichts war mehr von Peter zu sehen. Das Moor lag still und ruhig, als wäre nichts geschehen.

Nun rannte Gerd so schnell er konnte nach Hause um Hilfe zu holen. Wenn es sich die Eltern auch kaum vorstellen konnten, dass die Kinder den gefährlichen Weg alleine gegangen waren, so folgten sie doch so schnell sie konnten. Im Tannendickicht ging es jedoch nicht mehr weiter. Es war unmöglich, nicht eine Maus wäre hindurch gekommen. „Du musst dich irren Gerd, hier könnt ihr nicht gewesen sein“, meinten traurig die Eltern. Auch wenn Gerd auf seiner Schilderung beharrte, so sah selbst er ein, dass hier kein durchkommen mehr war. „Es kann nur sein, dass die Zauberkraft des Moormannes sich auf den Wald auswirkt. Deshalb gibt es dort auch keine Tiere“, dachte Gerd bei sich. Sagen brauchte er nichts mehr, da man ihm sowieso nicht mehr glaubte. Peter jedoch blieb verschwunden.

Peter schwanden die Sinne als ihn eine Hand ergriff und in die Tiefe des Moores hinunterzog. Erst im unterirdischen Reich des Moorherren kam er wieder zu sich. „Na du Großschnabel, was sagst du nun, oder ist dir die Rede vergangen“, blubberte Graan, der Moorherr als Peter zu sich kam. „Ich wollte dich nicht reizen, dachte nur, es sei ein Märchen und es gäbe dich nicht. Nur das wollte ich beweisen. Lass mich wieder zurück zu den Menschen, ich werde dich nie mehr stören“, bat nun Peter. „So einfach ist das nicht, wer einmal in meinem Reich ist, muss erst drei Aufgaben lösen um wieder frei zu kommen oder drei Jahre hier verbringen.“ „Nur das nicht! Nenne mir die Aufgaben, ich werde sie lösen.“ „Stelle dir das nicht so einfach vor, es sind schwere Aufgaben. Versuchen kannst du es ja. Also zuerst musst du die Moorprinzessin finden. Meine Tochter hat sich vor langen Zeiten aus dem Schloss entfernt, weil sie den Moorfrosch nicht heiraten wollte. Anschließend musst du die Sumpfrose wieder zum blühen bringen. Seit die Prinzessin fort ist, blüht sie nicht mehr und drittens musst du meinen Wunschring wieder finden. Nun leg dich aber erst einmal zur Ruhe, morgen frage ich dich dann wie du dich entschieden hast.“ „Ich werde in jedem Falle versuchen die Aufgaben zu lösen, denn drei Jahre hier unten bleiben halte ich nicht aus“ Peter hatte sich schon lange entschieden.

„Hi, hie Alter, hast du wirklich noch einmal Frischfleisch zu greifen bekommen?“ Das böse Gelächter der Moorhexe tönte durch den Sumpf. „Ja sieh, das hast du nicht für möglich gehalten. Es gab tatsächlich noch einen Dummen, der sich her wagte weil er nicht an mich glaubte.“ „Der Arme, hi, hi.“ Höhnisch kicherte die Hexe. Peter wurde in einen Raum des Moorschlosses geführt, ein Moorfisch wurde als Wache aufgestellt. „An mir kommst du nicht vorbei“, blubberte er noch bevor sich die Tür hinter Peter schloss.

Vor Aufregung konnte Peter die ganze Nacht kein Auge zu tun. Er grübelte wie er Graan überlisten konnte.  Wo sollte er nur die Prinzessin suchen? Im Schoss konnte sie nicht sein, dann hätte man sie längst gefunden. Im Moor konnte Peter nicht atmen, also auch nicht suchen. Es war als ob sich die Katze in den Schwanz beißen wollte. Die Nacht verging schneller als gedacht. Peter hatte es gar nicht gemerkt, Dunkelheit herrschte hier bei Tag und Nachte. Nur die Moorlichter flimmerten ein wenig. „Nun wie lautet deine Antwort, soll ich dir ein Zimmer richten lassen oder willst du meine Aufgaben erfüllen?“ Graan war selbst gekommen um ihn zu wecken. „Ich werde deine Aufgaben erfüllen!“ „Dann verlasse sofort das Schoss und sieh zu wie du im Moor klar kommst! Lass dich erst wieder sehen, wenn du mit der Prinzessin kommst!“ Kurzerhand setzte Gran ihn vor die Tür.

Peter begannen die Sinne zu schwinden, da fühlte er sich plötzlich emporgehoben. Wie in einer Glocke schwebte er und meinte gerade zu sterben, da redete ihn eine feine Stimme an: „Ich bin es Peter, die Moorprinzessin. Ich habe mir hier ein eigenes unterirdisches Reich geschaffen um dem Moorfrosch zu entkommen. Als ich nun jedoch sah, dass du meinetwegen hättest sterben müssen, konnte ich nicht anders und kam dir zur Hilfe.“ „Wenn du dich jetzt deinem Vater auslieferst, musst du ja doch den Moorfrosch heiraten. Das geht nicht, da müssen wir uns etwas einfallen lassen!“ Peter konnte sich nicht satt sehen an der wunderschönen Moorprinzessin. „Wie war es nur möglich, dass du dich so lange verbergen konntest?“ „Die alte gute Muschel hat mir bei sich wohnrecht eingeräumt und mich versorgt“, berichtete Mour.  „Das darf nicht umsonst gewesen sein. Auf Dauer ist die Muschel jedoch für uns zu klein. Was machen wir nur?“ Peter war nahe daran zu verzweifeln. „Nun lass mal den Kopf nicht sinken. Konnte ich mich so lange verstecken, werden wir auch jetzt einen Weg finden.“ „Hat mich hier Jemand gerufen?“ Eine zarte Stimme mischte sich in das Gespräch. „Wer hat uns belauscht, jetzt wird es gefährlich!?“ „Nur keine Bange, kleine Prinzessin. Ich weiß längst über alles Bescheid. Ich bin die Zaubernixe, die in allen Waldseen und Teichen zu Hause ist. Lasse mich jedoch nur sehen, wenn es ohne meine Hilfe nicht weiter geht.“ „Du bist gekommen um uns zu helfen?“ Peter war ganz außer sich vor Freude. „Es wird nicht ganz leicht sein, aber wir werden es schaffen“, versicherte Zehla. „Was müssen wir tun?“ Wie aus einem Mund kam es von Peter und Mour. „Meine Zauberkraft reicht für jeden See oder Teich ein einziges Mal. Darum muss ich mir genau überlegen wie ich sie am besten einsetze. Bevor ich meine Zauberkraft einsetze, müssen wir die Moorrose retten. Hast du den Mut, noch einmal ins Moorschloss zu gehen um sie zu holen, Peter?“ „Ich werde es versuchen. Was mir möglich ist, will ich tun!“ „Dann ist es gut. Pass auf! Vor dem Schloss sitz ein riesiger Krebs, er darf dich nicht erwischen. Wird natürlich alles daran setzen dich aufzuhalten. Wirf ihm diesen Köder hier vor den ich dir geben werde, dadurch wird er friedlich und lässt dich hinein und auch später wieder hinaus. In einer Gaulsvitrine im hinteren Raum ist die Moorrose verschlossen. Hier ist der Schlüssel. Dies alles muss jedoch so leise vor sich gehen, dass keiner im Schloss deine Anwesenheit merkt. Wenn du das geschafft hast, komm auf dem schnellsten Wege wieder hier her. Meine Zauberkraft reicht nur bis Mitternacht. Hast du dir alles gemerkt?“ „Ich habe mir gemerkt was du sagtest. Ich will es versuchen.“

Nun machte sich Peter auf den Weg. Mit dem Moorkrebs kam er gut hin, er freute sich sogar noch über den Köder. Als er jedoch das Schloss betrat, fand dort gerade ein Fest statt. Trolle und Gnome waren eingeladen und es ging dort herb fröhlich zu.“ „Was mache ich nur“, überlegte Peter und drückte sich in eine Ecke. „So lange hier gefeiert wird, komme ich nicht heraus.“ Die Zeit schritt dahin und Peter schwanden die Hoffnungen hier noch einmal fort zu kommen. „Ich kann meine Freunde doch nicht im Stich lassen“. überlegte er immer wieder.  Als sich die Festgesellschaft in den Nebenraum begab um sich an der Tafel zu laben, riskierte es Peter den hinteren Raum zu erreichen. Sofort sah er die Moorrose im verschlossenen Glasschränkchen. Der Schlüssel passte und ließ sich im Schloss drehen. Vorsichtig entnahm Peter die Rose. Er konnte es nicht fassen, dass er für so eine vertrocknete Rose sein Leben und das seiner Freunde riskieren musste. Der Krebs schlief noch gesättigt vor dem Schloss, so konnte Peter ungesehen entkommen.

„Du hast dir aber Zeit gelassen“, wurde er von Zehla empfangen. „Berichten kannst du mir wenn wir gerettet sind!“ Sie nahm ihm die Rose ab, die im selben Moment wunderschön erblühte.  Nun nahm sie Peter und Mour in die Arme hielt dabei die Rose fest  in der Mitte und murmelte einen Zauberspruch. Im selben Moment verwandelte sich das Moor in einen herrlichen Waldsee, der im Mondlicht glitzerte. „Hiermit ist die Zauberkraft des Moorherren gebrochen. Es gibt kein Moor mehr. Vor vielen hundert Jahren war es mal ein Waldsee in dem sich Tiere und Pflanzen wohlfühlten. Xenia die Waldhexe ließ dann ihre Wut an dem See aus, weil sie es nicht mit ansehen konnte wie gut sich die Tiere verstanden. Nun wird hier wieder das friedliche Leben einziehen. Du Peter, kannst ungehindert nach Hause gehen, den Weg findest du schon und Mour werde ich erst einmal noch ein wenig in ihrem neuen Leben begleiten.“ „Wir danken dir Zehla!“ Peter rannen vor Freude ein paar Tränen, die er sich verlegen wegwischte. Mour glitt vor Freude wie neu geboren durch das Wasser das nur so spritzte. Die Rose hatte sich zu einer wunderschönen Seerose verwandelt und brachte erstes Leben in den See.

Am nächsten Sonntag zeigte Peter seinen Eltern den Waldsee, den bisher noch keiner kannte. (c) ChT