Der Hexenbaum

 

Schaurig tönt das Heulen des Windes durch den Wald. Es hört sich an, als würden die Geister der Nacht ein fest geben. Kaum ein Mensch verirrt sich bei solch einem Sturm in die Tiefen des Waldes. Wenn die Regenwolken den Himmel verfinstern und der Sturm Hexen und Kobolde tanzen lässt, suchen auch heute noch die Menschen möglichst schnell ihre sichere Behausung auf. Zumindest um nicht nass zu werden, so möchte erst recht niemend im Walde unterwegs sein, wenn durch Sturm und Wetter, Geräusche den Wald durchdringen, die sich nicht orten oder erklären lassen.

So trägt eine uralte Eiche den Namen Hexenbaum und auch heute noch fliehen die Menschen diesen Ort, wenn ein Wetter aufzieht. Früher ließ so manch ein Wanderer dort oben, wo der Hexenbaum steht, sein Leben.

Eckhard wollte nicht an Hexen glauben. Als wieder ein Unwetter nahte, ging er extra zum Hexenbaum. „Ich will die Hexen bei ihrem Tanze sehen“, verkündete er im Dorf. Alle rieten ihm, die Hexen nicht zu versuchen, da sie sich rechen würden. Eckhard aber hörte nicht auf den Rat seiner Freunde. Er ging in den Wald und versteckte sich in der Nähe des Hexenbaumes in einem Gesträuch. Da begannen bereits die ersten Blitze zu zucken. Schon bald tanzten sie um die alte Eiche. Krachend fuhren sie in den Boden um wenige Sekunden später sich wieder gen Himmel zu bewegen. Eckehard war so fasziniert von dem Naturschauspiel, dass er sich nicht losreißen konnte. Er starrte wie versteinert in die Pracht des Feuers, das trotz seiner Gewalt keinen Schaden anrichtete. Es sah aus, als ob tausende von Hexen einen wilden Tanz vollführten. Als sich das Gewitter seinem Ende zu neigte, fiel Eckhard ermattet auf das Moos und schlief ein. Am frühen Morgen wurde er von fröhlichem Vogelgezwitscher geweckt. –

Doch was war das? So sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts mehr sehen. Seine Augen waren blind. Jetzt dachte er an die Warnung seiner Freunde. Lange irrte er im Wald umher ohne in sein Dorf zurück zu finden. Als er viele Stunden so herum geirrt war und nicht mehr wusste, ob es Morgen oder Abend war, sprach ihn eine Stimme an. „Fremder, was machst du in meinem Wald?“ Verzweifelt erzählte Eckhard seine Geschichte. Ein schrilles Kichern ertönte als Antwort. Eckhard lief eine Gänsehaut über den Körper. Gleichzeitig redete die Stimme ihn jedoch an und meinte: „Ich denke, du hast gelernt, ich will dir helfen.“ Sie führte ihn in ihre Hütte, legte Kräuter auf seine Augen und gab ihm zu essen und zu trinken. Seltsam ungewohnt schmeckten die Speisen, in seiner Not aß und trank er jedoch was ihm vorgesetzt wurde.

Eine geraume Zeit musste er in dieser Hütte verbracht haben, als die Stimme wieder zu ihm sprach: „Komm lass uns gehen!“ Eckhard wurde durch den Wald geführt, bis ihm die Stimme gebot anzuhalten. Sie sprach: „Nun nimm die Kräuter von deinen Augen!“ Eckhard tat wie ihm geheißen. Als er sich nach langer Dunkelheit die Augen rieb, empfand er eine leichte Helligkeit und wenig später erblickte er den Wald um sich im Sonnenschein. Er lief so schnell es ging in sein Dorf. Dort staunte man nicht schlecht über sein Erscheinen. Eckhard sprach lange nicht über seine Erlebnisse, behauptete jedoch nie wieder, dass es keine Hexen gibt und mied von Stund an den Platz auf dem der Hexenbaum steht.

Noch heute steht der Baum auch wenn er innen drin fast hohl ist und der Wind noch lieber um und in ihm spielt, wie damals.

Wenn ihr ihn sucht, müsst ihr die Spitze des Berges erklimmen. Sicher hat fast jeder Wald seinen Hexenbaum. Besucht ihn im Sonnenschein, dann hat der Spuk keine Chance. (c) ChT