Der Zaubergarten

 

Am Rande der Stadt, fernab jedes menschlichen Gehöftes, fast schon in den Wald eingebettet, befand sich ein uralter Garten. Nur selten kam hier ein Wanderer vorbei und wenn, dann staunte er über den verfallenen Zaun und den verwüsteten Garten. „Du hast auch einmal bessere Zeiten gesehen“, dachte der Vorübereilende dann meist bei sich.

Tief im Garten, nicht einsehbar für Fremde, stand ein altes Schloss. Vor vielen hundert Jahren feierte man hier fröhliche Feste. Das einzige was geblieben war, war diese schon recht baufällige Ruine. Der Garten rings um das Schloss glich nach so langer Zeit eher einem eingezäunten, verwilderten Waldstück.

Das war genau das Umfeld,  das zum Leben des Zauberers Xeno passte. Er lebte schon so lange in diesem Schloss, das er gar nicht mehr hätte sagen können, wann er es als sein Schloss auserwählt hatte.

Am Tage war es hier öde und wüst. Doch kam die Nacht, erwachte das alte Schloss zum Leben. Die Gnome und Hexen des Waldes führten hier ein fröhliches Leben. Kaum ging abends die Sonne unter, verwandelte Xeno alles um sich her in seine alte Schönheit. Menschen, die sich in früheren Zeiten, einmal hierher verirrt hatten und am Tage verzaubert als Steine im Hof des Schlosses lagen, mussten ihm des Nachts zu Diensten sein. Sie selbst merkten davon nichts, in ihrer Verzauberung.

Nur einer hätte diese Menschen befreien können, ein Erbe des echten Schlossherren und den gab es nicht. So trieb Xeno hier sein böses Spiel.

Längst hatten sich die Tiere des Waldes aus dem Bannkreis des alten Schlosses zurückgezogen. Selbst Elfen und Feen hatten diese Gegend verlassen. So hätte Xeno mit seinem Gefolge noch ewig hier sein Unwesen getrieben, wenn nicht, ja wenn nicht… eines Tages etwas Unvorhergesehenes passiert wäre.

„Elke“, sagte eines Morgens beim Frühstück, Laura zu ihrer Freundin, „heute Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war in einem Schloss. Die Türen öffneten sich von selbst wenn ich auf sie zu ging. Alle waren mir zu Diensten. Ich war die Herrin des Schlosses. In dem Schloss lebten viele Menschen, sie waren verzaubert und nur ich konnte sie erlösen.“ „Oh ja, ein Schloss das wäre fein“, meinte Elke, „schade das es nur ein Traum war.“ Elke und Laura verbrachten ihren Urlaub beim zelten an einem großen Waldsee. Heute wollten sie segeln gehen und im Anschluss im nahe gelegenen Ort etwas bummeln. Keine von Beiden dachte mehr an Lauras Traum.

Am nächsten Morgen erzählte Laura ihrer Freundin die gleiche Geschichte. Wieder hatte sie von diesem Schloss geträumt. „Nun wäre  es ja noch schön, wenn du träumtest, wo dein Schloss zu finden ist“, neckte Elke ihre Freundin. „Langsam beginnt es mich zu interessieren.“ „Das wüste ich auch gerne“, gab Laura zurück. „Ich weiß nur, dass es irgendwo in einem Wald sein muss.“ „In einem Wald sind wir auch. Vielleicht ist hier irgendwo dein Schloss“, foppte Elke ihre Freundin etwas. Wieder verging ein Urlaubstag. Wieder war der Traum, durch die Ereignisse des Tages, vergessen.

In der dritten Nacht wachte Laura mitten in der Nacht auf. „Elke, Elke! Es ist nicht weit!“ „Was ist nicht weit? Leg dich hin! Ich bin müde“, Gähnend drehte sich Elke auf die andere Seite. Laura war schon aufgestanden und rüttelte ihre Freundin wach. „Das Schloss ist nicht weit! Ich finde jetzt genau den Weg! Ich habe es geträumt!“ „Langsam finde ich schon nicht mehr komisch mit deinem Schloss! Anstatt zu schlafen scheuchst du mich durch die Nacht, auf der Suche nach einem Schloss, das es nicht gibt!“ Elke wurde fast etwas böse auf ihre Freundin. „Nun komm schon, lass dich nicht so lange bitten“, drängelte Laura. Müde kam Elke aus ihrem Schlafsack gekrochen und folgte Laura, die zielstrebig einen bestimmten Waldweg entlang strebte.  „Renn doch nicht so in der Dunkelheit“, versuchte Elke Lauras Eifer zu bremsen.  Aber diese lief wie von einer unbekannten Kraft gezogen immer schneller. Als die Beiden fast das Ende des Waldes erreicht hatten, sahen sie von weitem einen schwachen Lichtschein, wie von Kerzen. Elke blieb stehen um erst einmal zu beobachten. Sicher, ist sicher dachte sie bei sich. Laura jedoch strebte auf dieses Licht zu, ohne ihren Schritt zu bremsen. Als sie näher kamen erkannten die Mädchen ein Schloss. „Das ist es“, flüsterte Laura. „Komm lass uns gehen! Mir ist es zu unheimlich“, bat Elke. „Ich muss dort hinein“, war Laura von ihrem Auftrag überzeugt. Kurz hielt sie inne und beobachtete das Treiben im Schlosse. Seltsame Gestalten drehten sich dort im Tanze. Ganz am Rande sah sie Menschen, wie Diener und Köche gekleidet. „Ich muss dort hinein!“, sagte sie sich selbst noch einmal, bevor sie die Tür des Schlosses öffnete. Dann nahm sie allen Mut zusammen ging durch die Eingangshalle und trat in den Festsaal. „Hier bin ich! Was wollt Ihr in meinem Schloss?“ Die Musik verstummte, ein Rauschen ging durch den Saal und der Spuk war verschwunden. 

Die Menschen, die hier gefangen gehalten wurden, sahen Laura an wie eine Erscheinung. Erst jetzt verstanden sie langsam ihr Schicksal. „Ihr könnt nach Hause gehen“, wandte sich Laura an sie. „Lass uns bleiben“, bat ein alter Mann. „Dies hier ist schon so lange unsere Heimat, dass wir keine andere mehr kennen.“ „Wenn ihr wollt, bleibt hier und wenn es euch recht ist, werden wir das Schloss wieder aufbauen und den Garten wieder bepflanzen. Dann haben wir hier alle ein Heim.“ Lauras Vorschlag wurde unter Jubel angenommen. Ferien hatte Laura jetzt immer und doch als neue Schlossherrin sehr viel zu tun.(c) ChT