Im Kirchturm spukt´s

 

Gerd stieg die knarrende Treppe des alten Kirchturmes empor. „Was für ein schöner Bau“, dachte er bei sich. Ganz oben im Turm gab es ein kleines Zimmer, dies hatte er sich für zwei Jahre gemietet. „Welch herrliche Aussicht er hier hatte, die ganze Stadt konnte er überblicken, da kann man gut einen Fernseher entbehren“, freute sich Gerd. Zufrieden lehnte er sich aus dem Fenster. „Dort, das war doch sein Freund Bernd, den er in der Molkenstraße erkannte. Hatte er ihm nicht erzählt,  er müsse zum Zahnarzt? So ein Strolch, dabei kam er jetzt mit Maria aus einem Kaffee. Na den werde ich morgen fragen“, nahm er sich vor. Morgen könnte ihm Bernd dann helfen einige Möbel in sein Turmstübchen zu schaffen. Daran durfte er jetzt wahrlich nicht denken, denn so schön wie sich Gerd das Leben in diesem Kirchturmstübchen vorstellte, so war es doch recht beschwerlich, auf dieser alten, baufälligen Wendeltreppe, täglich hinauf und hinunter zu steigen. „Ich werde in dieser Zeit mit dem Nötigsten auskommen müssen. Aber auch daran werde ich mich gewöhnen“, überlegte er. Von seinem Traum, in diesem kleinen Stübchen, hoch über der Stadt zu leben, konnte ihn keiner abbringen.

Am nächsten Tag hatten die beiden Freunde dann doch schneller als angenommen das Stübchen eingerichtet. Nun genoss auch Bernd die herrliche Aussicht und wäre gerne gleich mit eingezogen. Knarrend schloss sich die Tür des Zimmers, die sie bisher offen gelassen hatten. „Bei dir spukt´s“, lachte Bernd. „Huhu, da liegst du aber heute Abend nicht alleine im Bett.“ „Hör auf zu spinnen, ich wohne in einem Kirchturm und nicht im Spukschloss“, gab Gerd schmunzelnd zurück. „Eben, eben, vielleicht spukt der Geist eines alten Mönchs, du weist, früher wurden Geistliche und Fürsten in der Kirche beigesetzt.“ Bernd lachte immer noch und doch wusste Gerd, dass diese These stimmte.  „Davon lass ich mir nicht die Stimmung verderben. Ich freu mich so, dieses Zimmer bekommen zu haben. Nun komm und setz dich und trink einen Kaffee mit mir.“ Das ließ sich Bernd nicht zweimal sagen und schon saßen die beiden Freunde beisammen und plauderten. „Schau draußen wird´s schon dunkel, auf deiner Treppe kann man schnell mal wegrutschen. Halte immer eine Taschenlampe bereit. Mach´s gut bis morgen.“ Bernd verabschiedete sich von seinem Freund. Gerd begab sich zur Ruhe, nachdem er sein neues Heim wohnlich eingerichtet hatte. „Die erste Nacht im neuen Heim, was ich heute träume geht in Erfüllung“, dachte Gerd noch bevor er die Augen schloss. Schon bei diesem Gedanken war er bereits eingeschlafen, bis… ihn eine Stimme weckte. „Gerd, Gerd!“ Gerd drehte sich, sah, dass er sich in seinem Turmzimmer befand, streckte sich und wollte gerade wieder einschlafen, als er wieder seinen Namen vernahm. „jetzt hat mich Bernd doch verrückt gemacht mit seinen Spukgeschichten, dass ich schon Stimmen höre“, überlegte er etwas verstimmt. Wieder schloss er die Augen und wieder hörte er seinen Namen rufen. „Jetzt reichst!“ Gerd stand auf und zündete die Kerze die vor ihm auf dem Tisch stand an. Alles war wie am Abend. Nun war Gerd auf sich selbst wütend. „Was hätte es auch sein sollen“, dachte er, drehte sich auf die Seite und schlief fest bis zum morgen.

Als Bernd sich am nächsten Tage erkundigte, was sein Freund denn in der ersten Nacht geträumt habe, lächelte dieser nur und meinte: „Ach, nichts von Bedeutung.“ Am kommenden Abend nahm er sich fest vor, sich nicht von seinen Träumen narren zu lassen. Als er jedoch im besten Schlaf war, wurde er auch in dieser Nacht gerufen. Diesmal war er gleich hellwach.  „Jetzt möchte ich doch mal wissen wer das ist“, dachte Gerd. „Hey, wer bist du? Wer ruft mich und stört meine Nachtruhe?“ „Das bin ich, der Turmkobold, ich heiße Gong. Ich lebe seit über vierhundert Jahren hier und wollte mich gestern Nacht schon vorstellen“ „Das gibt´s doch nicht, nun habe ich doch noch einen Kobold“, lachte Gerd und setzte sich im Bett auf. „Mach kein Licht, damit hast du mich schon in der letzten Nacht vertrieben. Ich bin nur gekommen um mich vorzustellen und mich mit dir zu unterhalten.“ „Was willst du mir denn erzählen?“ Gerd wurde neugierig. „Ich kann dir Geschichten aus vielen hundert Jahren erzählen, hast du das vergessen?“ „Na dann leg mal los!“ Seit dieser Nacht freute sich Gerd schon jeden Abend auf die kommende Nacht, wenn Gong ihn in der Geisterstunde besuchen kam. Es war nie langweilig, Gong verstand es spannend zu erzählen und als Gerd nach zwei Jahren aus seinem Stübchen auszog, waren die Beiden die besten Freunde. Gerd versprach ihn oft zu besuchen und hielt sich auch daran. (c) ChT