Der Zauberpinsel

 

Die Wiese lag noch im Schlummer des frühen Morgens, Tau perlte auf den Gräsern, als eine kleine Elfe ihren Morgenflug antrat. So früh brauchte sie nicht Gefahr laufen, von Spaziergängern entdeckt zu werden, denn das ist für eine Elfe das Schlimmste. Wenn sie erst einmal von Menschen entdeckt wurde, ist es mit ihrem Zauber vorbei. Aus diesem Grunde war Suncy auch besonders vorsichtig und sah sich nach allen Seiten um. Plötzlich hörte sie ein leises Weinen. „Wer weint denn hier, kann ich helfen?“, erkundigte sie sich. In diesem Moment hatte Suncy ihre Vorsicht ganz vergessen. Sie war eine hilfsbereite Elfe, die keinen traurig sehen konnte und alles tat um anderen hilfreich zur Seite zu stehen. Sie hatte jedoch Glück gehabt, zu so früher Stunde waren selten Menschen in der Natur unterwegs. Von einer alten Weide her, meldete sich nun ein Stimmchen: „Ich, bin es, Häschen Langohr.“ „Was gibt es denn kleines Langohr“, wollte es die Elfe nun genauer wissen. „Die Blumen sind noch nicht erblüht, da der Winter in diesem Jahr ein strenges Regiment führte. In ein paar Tagen ist Ostern und wir haben keine Farben, um die Eier zu bemalen“, schluchzte das Häschen. „Das ist wahrlich schlimm“, stimmte nun auch die Suncy zu. „Da muß ich mal überlegen wie ich dir helfen kann.“

Schnell drehte sie noch eine kleine Morgenrunde über der Wiese und stellte fest, daß wirklich noch nicht ein Blümchen das Köpfchen aus der Erde gestreckt hatte. Dann flog sie zum Elfenhain und berichtete es ihren Freundinnen. Nun wurde beratschlagt wie man den Hasen helfen könnte. Ostern ohne bunte Eier, das ging nun wirklich nicht. Auf einmal meldete sich Träumlein, die jüngste Elfe, zu Wort: „Wißt ihr noch? Von Felia, unserer ältesten Elfe, sind unter der alten Linde, noch die Zauberfarben versteckt. Sie hat uns zwar verboten sie jemals zu benutzen, aber dies ist ein Notfall und da hat sie bestimmt nichts dagegen.“ Nun wurde rege diskutiert, einige Elfen waren dafür und einige dagegen. „So kommen wir nicht weiter“, bestimmte Suncy, „wir stimmen ab!“ Alle waren einverstanden und so kam es, daß Suncy schon eine Stunde später wieder bei Langohr war. „Wir können dir helfen“, sprach sie, zu dem immer noch traurigen Hasen. „Besorge du bis morgen früh die Eier und ich werde für die Farben sorgen!“ „Wie willst du das machen, wo nimmst du ohne Blumen die Farbe her“, wurde der kleine Hase nun neugierig. „Das bleibt ein Geheimnis! Wichtig ist, du hast morgen früh die Eier hier.“ Suncy grüßte und flog schnell davon, da nun schon die Sonne hoch am Himmel stand, mußte sie sich beeilen.

Schnell verbreitete sich die gute Nachricht im Osterhasenland. Alle Hasen mußten sich nun sehr beeilen, die Stunden bis zum nächsten Morgen verrannen viel zu schnell. „Wo nimmt Suncy nur die Farben her“, überlegte der kleine Hase immer wieder. „Hauptsache sie bringt die Farben, du mußt nicht alles wissen“, meinte Mutter Hase.

Wie verabredet war Suncy zur frühen Morgenstunden zur Stelle. Einen kleinen Farbeimer im Gepäck. In dem Eimer steckten viele Pinsel, jeder Pinsel hatte einen anderen Farbton. „Nun paßt einmal gut auf“, wurden die Hasen von der kleinen Elfe aufgefordert. „Dies sind Zauberfarben. Nur ein winzig kleiner Farbtupfer auf dem Ei, färbt das gesamte Ei! Also nur einmal ein wenig auftupfen, nicht malen! Habt ihr mich verstanden?“ Alle Hasen hatten aufmerksam zugehört, der Mund stand ihnen vor Staunen offen. „Alles klar“, kam nun die Antwort. „In einer Stunde bin ich wieder hier und hole die Farben ab. Ihr müßt gut aufpassen“, belehrte Suncy noch bevor sie abflog. „Kein Farbpinsel darf austrocknen, sonst ist es mit dem Zauber vorbei. Ich vertraue euch!“ Schnell machten sich nun alle Hasen an die Arbeit und als in einer Stunde die kleine Elfe wiederkam, um die Farben abzuholen, lagen sämtliche Eier gefärbt im Gras. „Danke Suncy, ohne dich wären wir verloren gewesen! Nun kann das Osterfest kommen“, bedankte sich die alte Häsin.

Als die Elfe mit den Farben heimkam und sie gerade wieder unter die Wurzeln der Linde zurückstellen wollte, kehrte Felia von ihrem Flug zurück. Sie war einige Tage fort gewesen, um eine befreundete Elfe im Nachbarwald zu besuchen. „Was sehe ich denn da?!“, tönte plötzlich ihre Stimme, wie ein Donnergrollen hinter Suncy. „Hatte ich euch nicht verboten, jemals an die Zauberfarben zu gehen?“ „Verzeih! Verza..hei  Felia“, stotterte Suncy vor Aufregung. „Die Hasen waren in großer Not. In wenigen Tagen ist Ostern, es gibt noch keine Blumen von denen sie sonst ihre Farbe erhalten, sie brauchten dringend Farbe!“ „So, so die Hasen brauchten also meine Zauberfarben? Da hast du ganz einfach mein striktes Verbot übertreten. Du wußtest, daß ich es nicht ungestraft lassen kann, wenn einer von euch meine Gebote mißachtet?“ „Ja Felia, ich wußte es, aber ich hatte keine Wahl. Ostern konnte nicht ausfallen, ich mußte an die Kinder denken“, antwortete die kleine Fee mit trauriger Stimme. „Dann wird es für dich in diesem Jahr keinen Sommer geben. Du wirst ein Jahr schlafen!“ Sie hob ihren Zauberstab und wollte gerade ihren Spruch sagen, als die anderen Elfen merkten was hier geschah. „Wir haben abgestimmt und die Mehrheit von uns war dafür, den Hasen zu helfen. Wenn du Suncy bestrafen willst, mußt du uns alle bestrafen.“ Felia drehte sich zu der Sprecherin um. „Ihr alle, habt mein Verbot mißachtet?“, fragte sie nun traurig. Schuldbewußt nickten die kleinen Elfen mit ihren Köpfen. „Alle kann ich nicht bestrafen, die Blumen brauchen euch, wenn sie erwachen. Dann soll auch Suncy nicht bestraft werden.“ Felia ließ ihren Zauberstab sinken. „Ich hoffe nur, ihr habt daraus gelernt und hört in Zukunft auf meine Weisungen!“ Wieder nickten alle zustimmend: Nach einer Weile meinte sie: „Natürlich hätte ich den Hasen auch geholfen.“

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