Sophie beim Osterhasen

 

Die Schneeglöckchen streckten ihre ersten Halme aus dem noch gefrorenen Erdreich. Sophie freute sich über jeden Sonnenstrahl, sie holte den Roller aus dem Schuppen und begleitete die Mutti zum Einkauf. „Mutti stimmt’s, wenn die ersten Blümchen blühen kommt der Osterhase?“, fragte sie heute ihre Mutti, als sie die Schneeglöckchen entdeckte. „Ganz so stimmt das nicht“, erklärte die Mutter. „Die Schneeglöckchen kommen viel früher als die anderen Blumen aus dem Erdreich. Selbst wenn noch eisige Stürme wehen, strecken sie schon ihr Köpfchen aus der Erde und wollen uns an den Frühling erinnern. Lange dauert es aber nicht mehr, dann kommt wirklich der Osterhase.“ „Siehst du, habe ich also doch Recht, bald ist Ostern“, freute sich Sophie. „Wenn wir nach Hause kommen, lese ich dir eine Geschichte vor“, versprach die Mutti. Das mochte Sophie immer besonders, wenn sich Mutti Zeit nahm und mit ihr gemeinsam ein Bilderbuch anschaute und vorlas.

  Daheim angekommen, suchte sie als erstes ein Buch aus ihrem Bücherschrank heraus. „Mutti sieh mal, hier habe ich ein Buch vom Osterhasen gefunden, liest du das bitte vor?“, bat die Kleine und stand mit einem Buch vor der Mutter, das sie im Schrank gefunden hatte. Sophie wartete schon mit großer Ungeduld auf das Osterfest. Für sie war Ostern genauso spannend wie Weihnachten. Früh am Morgen war der Frühstückstisch schon besonders schön gedeckt, mit selbstgebackenen Brötchen und einem bunten Osternest auf dem Tisch.

  Aber am meisten grübelte Sophie darüber nach, wie es wohl beim Osterhasen sei. Wie er wohl die Eier bemalt? Ihr größter Wunsch war, einmal dabei zu sein, einmal dem Osterhasen über die Schulter, ach nein, über die langen Ohren zu sehen. ‚Das sind ja Träume die sowieso nicht in Erfüllung gehen‘, dachte Sophie so bei sich. All ihre Freunde im Kindergarten hatte sie gefragt, aber keiner von ihnen hatte bisher den Osterhasen bei der Arbeit beobachtet.

  Weil ihr das Buch, das Mutti gerade vorgelesen hatte, so gut gefiel, nahm sie es heute mit ins Bett. Noch einmal betrachtete sie die Bilder, bevor sie es auf den Nachttisch legte und einschlief. In der Nacht hatte Sophie einen Traum. Ein Häslein aus ihrem Bilderbuch, wurde lebendig, kam zu ihr ins Bett und stupste sie an. „Hallo Sophie, du wolltest doch immer uns Osterhasen bei der Arbeit zusehen, komm mit!“ Sofort war Sophie bei der Sache, sprang so schnell wie noch nie in ihre Sachen und folgte dem Häschen. Draußen war es dunkel, der Mond spendete seinen goldenen Schein. Als Sophie mit dem Häschen aus der Haustür trat, wartete dort schon eine Kutsche. Sie hatte die Form eines halben Eies und sah wunderschön aus, nur war sie viel zu klein um die Beiden aufzunehmen. Gerade überlegte das Mädchen noch, wie es wohl in diese winzige Kutsche kommen könnte, als plötzlich eine Blumenfee vor ihr stand und ihren Zauberstab in die Höhe hielt. Im Nu erreichte Sophie die passende Größe, um in die Kutsche zu steigen. In Windeseile erhob sich die Kutsche in die Lüfte und landete wenige Minuten später im Osterhasenland. Mit offenem Mund staunte die Kleine die Wunder an, die sich ihr darboten. ‚Hier ist es ja wunderschön‘, dachte sie noch, als schon ein Hasenkind auf sie zu kam, um sie willkommen zu heißen. „Es war doch dein Wunsch einmal bei uns zu sein, heute soll dein Wunsch erfüllt werden“, sprach der kleine Hase das Mädchen an. „Ich bin Hoppel und freue mich darauf dich durch unser Reich zu führen.“ „Hallo Hoppel, ich kann es noch gar nicht fassen.“ Sophie sah sich nun etwas genauer um. Überall blühten Frühlingsblumen in den schönsten Farben. In ihrem Garten sah es noch lange nicht so bunt aus. Kleine Küken liefen auf der Wiese umher. Von ihnen war Sophie besonders angetan. „Wie kommen die kleinen Küken hierher“, erkundigte sie sich verwundert. „Wir müssen lange Zeit vor Ostern die Eier sammeln, die uns die Hühner zur Verfügung stellen, da passiert es schon mal, daß ein Küken aus dem Ei schlüpft“, berichtete Hoppel „Und was macht ihr mit den Küken“, wollte Sophie nun weiter, wissen. „Einige bleiben bei uns und helfen dann im kommenden Jahr Eier für das Fest zu legen, andere setzen wir auch mal aufs Körbchen, wenn wir die Eier verstecken. Die Kinder freuen sich ganz besonders darüber.“ „Das finde ich toll, auch ich würde mich über so ein Küken freuen“, strahlte Sophie den Hasen an. „Nun wollen wir uns aber das Osterland ansehen, sonst ist die Nacht vorüber und du mußt wieder nach Hause.“ Sophie wurde erst jetzt daran erinnert, daß diese traumhaft schöne Zeit so schnell zu Ende gehen würde. Nun machte sie sich mit Hoppel auf den Weg, durchs Hasenwerkstätten „Bevor wir losgehen, schenke ich dir ein Ei, das kannst du auf dem Wege bemalen, wenn wir alle Häuser besucht haben, wird dein Ei hübsch bunt sein.“ Ganz vorsichtig trug Sophie ihr Ei und war mächtig stolz darauf sich die Hasenwerkstätten betrachten zu können. Alle Häuser im Hasenland hatten die Form eines Eies und waren buntbemalt. „Wo habt ihr nur all die schönen Farben her“, wollte Sophie wissen, die bereits angefangen hatte ihr Ei zu bemalen. „Du siehst die frischen Blumen in Fülle hier, sie spenden uns die Farben. Natürlich muß man auch verstehen, die Farben zu mischen. Dies zu können, ist ein altes Osterhasengeheimnis.“ Sophie kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Nun näherten sie sich schon dem Ende des Hasenreiches. Im Osten zeigte sich bereits das erste Morgengrauen, es wurde höchste Zeit sich zu verabschieden. Sophies Ei war bunt bemalt, sie nahm es als Erinnerung mit heim. Schnell stieg sie in die Kutsche und los ging die Fahrt, schnell wie der Wind. 

Wenig später kam auch schon die Mutti ins Zimmer, um ihre Kleine zu wecken. Sophie schaute um sich und sah auf ihrem Nachttisch ein buntes Ei liegen. Hatte sie dies wirklich heute nacht bemalt?

© ChT