Die ersten Ostereier

 

Jana lebte mit ihrer Mutter am Rande des Waldes. Dies kleine Häuschen hatten sie von den Großeltern geerbt. Nun versuchte die Mutter es so gut es ging zu erhalten. Ihren Vater hatte das Mädchen nie kennen gelernt. Er ahnte nicht einmal, dass es Jana gab. Damit die Kleine nichts entbehren sollte, hatte sich die Mutter entschlossen so lange es ging bei ihrem Kind zu Hause zu bleiben. Die beiden genossen die Natur in vollen Zügen. Jana erlebte die vier Jahreszeiten bewusstin ihren Schönheiten und lernte die Zeichen der Tier- und Pflanzenwelt zu verstehen. Abends wenn Jana im Bett war, legte die Mutter fast immer eine Nachtschicht ein um den Lebensunterhalt der beiden zu verdienen. Unter ihren Händen entstanden die schönsten Handarbeiten. Gerne war sie kreativ tätig und freute sich, dass es ihr möglich war ihr Hobby zum Beruf zu machen. Mit den Jahren war sie zur Perfektion gekommen. Ihre Muster dachte sie sich selbst aus. So waren ihre Handarbeiten besonders beliebt. Im Krämerladen im Dorf nahm die Händlerin diese schönen Waren gerne entgegen. Janas Mutter kaufte im Gegenzug in dem kleinen Laden ein, was sie zum Leben benötigte und bekam noch einen kleinen Teil des Erlöses, den die Händlerin für ihre Handarbeiten einnahm, ausgezahlt. Damit bestritt die Mutter die anstehenden Kosten, wie Heizung, Kleidung und anderes. Es gelang ihr sogar jeden Monat ein wenig für Janas Zukunft zurück zu legen. So lebten die beiden fröhlich und vergnügt und vermissten nichts vom Trubel der Welt.

 

Ein Huhn kommt ins Haus

 

Jana liebte Tiere über alles. Wie sehr freute sie sich wenn im Frühling die ersten kleinen Kaninchen zu sehen waren. Ihre Häsin  warf in jedem Jahr 4-5 Junge. Jana stand dann oft im Stall und beobachtete die Hasenfamilie. Waren diese dann groß genug, holte sie auch mal das eine oder andere aus dem Stall und ließ es auf der Wiese hüpfen. Natürlich passte sie mächtig auf, dass das Kleine nicht davon lief und sie es nach seinem Ausflug wieder zur Häsin und seinen Geschwistern zurück setzen konnte. Heute war die Mutter wieder mit Handarbeiten zum Krämer ins Dorf gegangen. Jana hielt ihren Mittagsschlaf.

Gerade öffnete sie die Augen, als sie die Mutter zur Haustür hereinkommen hörte. Fröhlich sprang sie aus dem Bett und lief ihr entgegen. „Schau, was ich dir mitgebracht habe“, die Mutter öffnete einen Korb und zeigte ihn der Kleinen. „Ein Huhn, ein lebendiges Huhn“, rief Jana erfreut aus. „Nun kannst du jeden Morgen ein Frühstücksei essen“, schlug die Mutter vor. „Die Henne braucht doch ihre Eier für ihre Küken“, gab das Mädchen zu bedenken. „Aber nicht alle. Sagen wir, du isst jeden zweiten Tage ein Ei, einverstanden?“ „Einverstanden!“ Jana freute sich über das schöne braune Huhn. Sie nahm sich vor liebevoll dafür zu sorgen, damit es sich schnell eingewöhnte. Bereits im Sommer lief die Glucke mit ihren Küken fröhlich über die Wiese. Es war ein herrliches Bild dies mit anzusehen.

Im Herbst war es bereits eine ganze Hühnerschar mit einem stolzen Hahn in der Mitte. Morgens weckte er mit einem lauten krähen die Bewohner des Hauses, die sich hieran besonders freuten.

 

Und wieder ist es Frühling

 

Der lange Winter hatte endlich dem Frühling das Regiment überlassen. An allen Ecken grünte und blühte es. Jana freute sich sehr jeden Morgen ein neues Pflänzchen zu entdecken. Gerade hatte sie der Mutter ein Vogelnest gezeigt, das die Amsel gebaut hatte um ihre Jungen groß zu ziehen. „Bald werden auch wir wieder kleinen Häschen und Küken haben“, freute sie sich.

Ostern stand vor der Tür. Jedes Jahr im Frühling bekam Jana von der Mutti einen kleinen Schokoladen Osterhasen, der auf ihrem Nachttisch stand. Erst lange nach Ostern wurde er von dem Mädchen verzehrt. Am liebsten hätte sie ihn aufgehoben weil er ihr so leid tat. Aber das erlaubte die Mutter nicht. „Im nächsten Jahr gibt’s es einen Neuen“, tröstete sie die Kleine. Besonders freut sich Jana immer darauf zur Großmutter zu fahren. Dort unternahmen sie einen langen Waldspaziergang und aßen im Burgrestaurant Mittag.

Als Jana am Ostermorgen aus dem Haus trat, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. ‚Was war das?‘ Von überall her leuchteten bunte Farben aus dem Gras. Jana lief so schnell sie konnte von einem Osternest zum anderen. „Mutti, Mutti, komm schnell! Sieh nur auf der ganzen Wiese Nester mit bunten Eiern! Seit wann legt unsere Henne bunte Eier?“, Jana überschlug sich förmlich in ihrem Eifer. „Das war nicht die Henne“, erklärte die Mutter. „Das war der Osterhase.“ „Der Osterhase?“, nun wollte Jana es genauer wissen, was es mit dem Osterhase auf sich hatte. Bisher kannte sie nur ihren Osterhasen aus Schokolade.

 

Mutti erzählt

 

Begeistert sammelte Jana die bunten Eier in einen Korb. Welch eine Freude hatte der Osterhase ihr nur gemacht. Jubelnd lief sie zur Mutti. „Erzähl mir vom Osterhase“, bat sie. Die Mutti nahm ihr Mädchen in den Arm und setzte sich mit ihr auf die Bank vor dem Haus. „Tief im Walde, hinter der Schonung, lebt der Osterhase mit seiner Familie. Jedes Jahr im Frühling wenn die ersten Blumen blühen, ist Familie Hase unterwegs die schönsten Farben einzusammeln. Hiermit färben sie die Eier in den verschiedensten Techniker bunt, golden und silberfarben. Die kleinen Hasenkinder, lernen in der Hasenschule Muster zu entwerfen, Farben zu mischen und vieles mehr. Sind sie dann groß werden auch sie Osterhasen. Am ersten Sonntag nach dem Frühlingsmond machen sich die Hasen auf ins Menschenreich um die Kinder mit bunten Eiern zu erfreuen.“ „Oh, wie schön!“, freute sich Jana. „Ich möchte sooo gerne zu den Osterhasen!“, begann sie zu betteln. „Zu den Osterhasen finden die Menschen nicht. Sie haben sich gut im Wald versteckt. Wir können uns nur an ihren schönen Eiern erfreuen die sie uns als Geschenk bringen.“ Jana wurde still und nachdenklich. ‚Das muss ich einmal selbst ausprobieren‘, dachte sie. Vielleicht finde ich den Osterhasen doch. Nun begaben sich die Beiden an den festlich gedeckten Frühstückstisch. Danach ging es zu den Großeltern, denen Jana die Geschichte vom Osterhasen erzählte.

 

Jana und der Osterhase

 

Jana war noch ganz erfüllt von dem schönen Tag bei den Großeltern. Müde sank sie in ihr Bett und war sofort eingeschlafen. Mitten in der Nacht wurde sie wach weil jemand ihren Namen rief. Zuerst meinte sie zu träumen. Dann erkannte sie jedoch, dass es ihr Osterhase war der nach ihr rief. „Du kannst ja sprechen“; erstaunt nahm das Mädchen ihren Schokoladenosterhasen in die Hand. „Ja, ich kann sprechen, aber nur in der Osternacht“, gab der Hase zur Antwort. „Ich vernahm heute Morgen, dass du einmal den richtigen Osterhasen kennen lernen möchtest. Wenn du das immer noch möchtest, must du dich jetzt aber beeilen. Wenn der Morgen graut ist meine Zauberkraft vorbei“,  gab der Hase zu  bedenken. Jana war sofort putzmunter. Sie sprang aus dem Bett, kleidete sich flugs an und wartete auf die Anweisungen ihres Osterhasen. „Komm, die Kutsche wartet schon“, forderte dieser sie auf. Wie staunte das Mädchen als eine Kutsche in Form eines Eies, gezogen von zwei Hasen vor ihrem Hause stand. Schnell wie der Wind ging es durch den Wald, so schnell, dass Jana sich den Weg den sie fuhren nicht merken konnte. Plötzlich hielt die Kutsche und Jana wurde zum aussteigen aufgefordert.

 

Jana bei den Osterhasen

 

Der Hasenvater war selbst erschienen um Jana zu begrüßen. Stolz stand er vor ihr und half ihr aus der Kutsche. Er sah so ganz anders aus als ihre Häschen daheim im Stall. Mit einem Frack bekleidet, war er eine imposante Erscheinung. Jana blieb vor Staunen fast der Mund offen stehen. „Ich habe gehört, du möchtest uns kennen lernen“, begann Vater Hase das Gespräch. „Jedes Jahr in der Nacht zu Ostermontag geben wir Osterhasen ein Fest, zu dem wir alle hundert Jahre ein Kind einladen. Dieses Fest ist für uns etwas ganz besonderes. Hierbei wird der Osterhase ausgezeichnet der die schönsten Ostereier in diesem Jahr gefärbt hat. Ein Menschenkind darf nur darum alle hundert Jahre einmal zu uns kommen, damit die Menschen nicht zu uns finden. Sonst würde es unser Reich bald nicht mehr geben. Wenn du nachher in deinem Bett liegst und am morgen erwachst, wirst du denken das alles hier geträumt zu haben. Aber nun komm die anderen Hasen warten schon auf dich.“ Gerne folgte Jana der Einladung und begab sich mit dem Hasenvater ins Hasendorf.

 

Im Hasendorf

Wie staunte Jana, als sie das Hasendorf betrat. Viele kleine Ostereier standen dort als Häuser und Wohnungen eingerichtet. Langohr kam gleich auf sie zugestürmt um ihr sein Reich zu zeigen. „Aber nur kurz“, gebot der Vater, dann beginnt unser Fest bei dem ich euch dabei haben möchte.

Jana war ganz aufgeregt von all dem Neuen das auf sie einstürmte. Schnell hatten sie die Zeit vergessen, so dass Vater Hase noch einmal mahnen musste. Als sich alle Hasen versammelt hatten, begann Vater Hase mit seiner Ansprache: „Wie euch bekannt ist, haben wir heute ein Menschenkind zu Gast, dies kommt nur alle hundert Jahre vor. Seit es uns Osterhasen gibt, ist es Sitte, dass in diesem hundertsten Jahr das schönste Osterei von dem Menschenkind gewählt wird. Wer dieses erwählte Osterei gefärbt hat, wird für die nächsten zehn Jahre der Chef im Hasenland.“

Voller Aufregung lauschten die Hasen der Rede. Jetzt führt der Hasenvater Jana zur Wiese auf der die schönsten Ostereier lagen. „Oh weh, oh weh! Wie soll ich bei so schönen Eiern, das Schönste heraus finden?“ Jana schaut ganz betrübt auf die bunten Eier die sich in den schönsten Mustern und Farben ihr präsentieren. „Du brauchst nicht traurig sein, es ist nun mal so Sitte. Ganz gleich welches Ei du wählst, keiner von uns wird dir deshalb böse sein. Es kann nur einen Sieger geben, das wissen wir“, erklärte der alte Hase.

Jana ging von Ei zu Ei, immer wieder schaute sie sich jedes Werk an. Bis Vater Hase mahnte: „Es wird Zeit, wir haben nur noch eine Stunde, dann musst du zurück ins Menschenreich.“ Jetzt ging Jana auf die Eier zu nahm eins aus der Mitte uns reichte es Vater Hase. „Du hast eine gute Wahl getroffen“, lobte sie dieser. „Nun bitte ich den Hasen von euch vor zu treten, der dies Ei bemalt hat.“ Mit gesenktem Kopf trat Hasenmine hervor. Alle Hasen sahen verblüfft auf das Hasenmädchen. „Mine, dir ist bekannt, dass sich Hasenmädchen nicht an der Wahl beteiligen dürfen“, fragte sie Vater Hase. „Ja, es ist mir bekannt. Ich hätte aber nicht gedacht, dass gerade mein Ei das Schönste ist. Ich hatte mir viel Mühe damit gegeben.“ „Das ist auch lobenswert“, bestätigte Vater Hase. „Aber was machen wir nun?“

Für einen Moment waren alle Osterhasen sprachlos. Dann entschied Vater Hase: „Bisher war es nicht üblich, dass ein Hasenmädchen unsere Hasenreich leitet. Da du uns jedoch bewiesen hast, dass du so wunderschöne Ostereier bemalen kannst und unsere Regeln es festlegen, das derjenige der das schönste Osterei färbt, auch der Leiter des Hasenreiches wird. Wirst du in Zukunft unser Hasenland leiten. Eine Bedingung knüpfe ich aber daran, du wählst dir einen Berater zur Seite mit dem du gemeinsam entscheidest. Hasenmine strahlte vor Glück, Sie, die kleine Häsin sollte das Hasenreich leiten, damit hätte sie nie gerechnet. Mit einem Lächeln ging sie auf Stummelschwänzchen zu und reichte ihm die Hand. „Möchtest du mein Berater sein“, fragte sie ihn. Schon lange waren die beiden Hasen die besten Freunde. Glücklich klatschten alle Hasen in die Pfoten. „Hasenmine und Stummelschwänzchen sollen hoch leben“, riefen sie im Chor. Jetzt ging es lustig zu im Hasenreich. Bei Veilchenwein und Osterkuchen wurde es ein fröhliches Fest. Das Osterei von Mine kam in die Ausstellung, wie jedes Siegerei. Für die nächsten hundert Jahre würde Hasenmine und ihre Nachkommen die Leitung des Hasenreiches übernehmen.

 

 

Wieder daheim

 

„Nun wird es aber Zeit aufzubrechen“, erinnerte Vater Hase. „Der Morgen beginnt schon zu grauen. Sobald die Sonne aufgeht, must du wieder in deinem Bett liegen“, erklärte er. Etwas traurig sah Jana ein, dass die Mutter sie vermissen würde. Sie bedankte sich bei den Osterhasen und stieg in die Kutsche. „Wir lassen dich natürlich nicht gehen ohne ein besonderes Geschenk. Dies Osterei soll dich an diese Nacht erinnern. Es ist ein Zauberei. Immer wenn du es berührst kannst du für ein paar Minuten bei uns sein. Du solltest dir jedoch gut überlegen wann du diesen Zauber nutzt. Wenn du nur einmal dabei beobachtet wirst wie du ihn nutzt, wird er ab sofort nicht mehr zur Verfügung stehen. Der Zauber erlischt für immer.“ „Oh, danke!“, jubelte Jana.

Immer wieder die Möglichkeit zu haben ins Hasenreich zu gelangen stellte sie sich wunderbar vor. Sie würde genau auf die Anweisungen von Vater Hase achten. Daheim angekommen kuschelte sie sich in ihr Bett und schlief zufrieden ein, bis sie von der Mutter geweckt wurde. Auf dem Nachttisch stand ein Osterei, das sie immer an diese Nacht erinnerte. „Das war mein schönstes Osterfest“, sagte sie am Abend zur Mutter.

(c) ChT