Im Elfenland

 

Der Winter neigte sich dem Ende zu. Die Natur sehnte sich nach den ersten wärmenden Sonnenstrahlen. So wie die Pflanzen- und Tierwelt erwachte und erwachten auch die Naturgeister zu neuem Leben. Der letzte Schnee schmolz dahin, die hart gefrorene Erde taute, in allen Winkeln des Waldes begab sich bisher erstarrtes zum Licht.

So begann auch im Elfenland neues Treiben. Roes nahm die kleinen Jungelfen zu einem ersten Erkundungsflug mit hinaus. So erklärte sie wie nebenbei: „Merkt euch diese alte Eiche, es ist das Reich von Troll Horg, seht euch vor, dass ihr euch nicht hierher verfliegt, er könnte böse enden.“ Als sie gerade eine große Wiese überquerten, warnte Roes: „Hier beginnt das Menschenreich, solltet ihr euch wirklich einmal soweit verfliegen, dürft ihr euch nicht blicken lassen sonst ist es um euch geschehen. Wenn euch einmal ein Mensch erblickt, ist der Zauber eurer Unsichtbarkeit verloren. Das Beste ist, ihr merkt euch die Grenzen eures Reiches genau, dann kann euch nichts passieren. Seid ihr jedoch zu neugierig, merkt euch wenigstens meine  Hinweise.“ Interessiert hatten die Jungelfen den Ausführungen von Roes gelauscht. Einige nahmen sich vor, sich alles genau einzuprägen, andere, wie Sun wussten ganz genau, für sie gab es keine Grenzen. „Dann wäre ich wohl keine Elfe, wenn ich mich so einengen ließe“, dachte sie. „Mich kriegt keiner, weder ein Gnom noch ein Mensch, sonst dürfte ich nicht mehr Sun heißen.“ Vergnügt ließ sie sich auf einer frühen Annemone nieder und genoss das schaukeln im Winde. Wie schön war es, auf einer Blüte die zarte Frühlingssonne zu tanken.

„Ich werde gleich nachher noch eine Runde fliegen“, nahm sie sich vor. „Mal sehen ob Trau mich begleitet“ überlegte sie noch. Den ersten Flug, hätte sie lieber mit ihrer Freundin gemeinsam unternommen. Gerade in diesem Moment kam Trau angeflogen. „Sag Sun, hast du für den Nachmittag schon etwas vor?“ „Das trifft sich, ich habe gerade an dich gedacht. Würde gerne mit dir einen Erkundungsflug unternehmen. Nur mit dir“, betonte sie noch. „Genau das wollte ich dir auch vorschlagen!“ Wie immer waren die zwei Freundinnen einer Meinung. So drehten die beiden kleinen Elfen ihre Runden. „Hörst Du das auch?“ machte Sun ihre Freundin aufmerksam. Ein leises schluchzen drang an ihr Ohr.  „Komm wir fliegen hin und schauen nach was dort los ist!“ „Das geht nicht, das weinen kommt von weiter her, es liegt hinter unserer Grenze!“ Trau wäre lieber nicht ihrer Neugier gefolgt. „Das wäre ja noch schöner, wenn ich helfen kann, helfe ich auch, ganz gleich was uns gesagt wurde.“ „Auf deine Verantwortung“, mahnte Trau noch einmal ihre Freundin, dann folgte sie ihr, vorsichtig nach allen Seiten schauend.

„Häschen was hast du“, erkundigte sich Sun als sie sah wer dort so traurig war. „Mein Mann ist erkrankt, er wurde vom Hofhund erwischt als er Eier fürs Osterfest holen wollte. Nun hat er sich den Fuß gebrochen. Morgen ist Ostern und ich weiß nicht wie ich das alles alleine schaffen soll.“ „Das tut mir aber leid, hoffentlich wird Vater Hase bald wieder gesund und was das helfen anbelangt, da mach dir mal keine Sorgen, das übernehmen wir“, tröstete Sun. „Bist du noch bei Trost, Familie Hase wohnt in den Wiese nahe dem Reich von Horg, dort dürfen wir nicht hin“, wies Trau ihre Freundin zu recht. „Ich will euch nicht in Schwierigkeiten bringen“, schluchzte Frau Hase erneut. „Wenn ich sage ich helfe, dann helfe ich auch! Solltest du Bedenken haben, kannst du ja zurück ins Elfenland fliegen“ wurde Sun energisch. „Wir haben uns einmal geschworen, dass wir uns nicht trennen“, erinnerte die Freundin, „also komme ich auch mit dir!“ So begleiteten die beiden kleinen Elfen Mutter Hase und vergaßen über das Eier färben und verstecken am nächsten Morgen ganz ihre Furcht vor  dem bösen Troll. Glücklich und müde kehrten sie ins Elfenreich zurück. Roes hatte die Beiden schon vermisst, sie war nicht gerade erfreut als sie die Geschichte hörte. Doch wusste sie genau, auch sie hätte geholfen. Ostern konnte schließlich nicht ausfallen. So ersparte sie den beiden fleißigen Elfen ihre Strafe für den Ungehorsam.

© ChT