Pinselchen

 

Milde schien die Frühlingsonne ins Land. Mutter Langohr sonnte sich in der Nähe ihrer Sasse. Vor wenigen Tagen hatte sie fünf kleine Häschen zur Welt gebracht. So winzig waren sie noch, ihre Augen erblickten noch nicht das Sonnenlicht. Als Frau Hase sich ihre Kinder betrachtete war sie stolz auf ihre Fünf. ‚Was habe ich nur für schöne Kinder‘, dachte sie. Nur bei einem der Kleinen gefiel ihr das Schwänzchen nicht. Vier ihrer Kinder hatten eine prächtige Blume. Bei dem gescheckten sah diese jedoch eher wie ein Pinsel aus. Lang, spitz und gleichzeitig ein wenig wuschelig. ‚Dich werden die anderen später auslachen, wenn sie größer sind‘, dachte sie traurig. Ändern konnte sie trotz ihrer Liebe zu dem Kleinen nichts daran. Wuschel, Krümel, Fleckchen, Spitzohr und Weißpfötchen nannte Frau Hase ihre Kinder. Jeden Tag wuchsen die Häschen ein kleines Stück. Ihre Augen hatten sich bereits geöffnet, so daß sie ihre Umgebung erkunden konnten. Wie kleine Wirbelwinde tollten sie sich im grünen Gras umher.

Schon nahte der nächste Frühling, auf den die Hasenmutter sie schon lange vorbereitet hatte. „In diesem Jahr kommt ihr in die Schule“, sagte sie oft. Voller Spannung warteten die Hasenkinder auf den Tag, an dem sie Osterhasen werden sollten. Sie übten sich im Erstellen und Mixen der Farben und freuten sich wenn sie einen besonders schönen Farbton hervorgezaubert hatten. Die Zeit des Übens war vorbei. Am nächsten Morgen sollten sie richtige Ostereier bemalen, hatte der Hasenlehrer angekündigt. Die kleinen Hasen konnten vor Aufregung nicht schlafen. An diesem besonderen Tag kam kein Hase zu spät in die Schule. Kein noch so leckeres Kohlblatt konnte die Häschen aufhalten, auf dem Weg zur Schule. Jeder wollte am Abend das schönste Ei bemalt haben. In der Nacht hatten sie sich besonders lustige Muster ausgedacht. Brav saßen sie auf den Bänken, als der Lehrer erschien. Traurig blickte seine Mine als er den Hasenkindern mitteilte: „Ostern fällt in diesem Jahr aus!“ „Warum, weshalb, wieso“, riefen die Häschen durcheinander. „Uns sind heute nacht alle Pinsel gestohlen worden“, erklärte der Lehrer. „Wie sollen wir die Eier bemalen ohne Pinsel?“ Stille herrschte in der Hasenklasse, als eins der Häschen aufstand und verkündete: „Ich kann ohne Pinsel malen, nur mit meinem Schwänzchen.“ Staunend sahen alle auf den kleinen Hasen. Bisher war ihnen gar nicht aufgefallen, daß Flecken eine andere Schwanzform hatte. „Wenn du meinst, werden wir es versuchen“, erklärte sich der Lehrer einverstanden. Nun wurden die Aufgaben verteilt. Einige Häschen sorgten für den Transport der Eier, andere stellten die verschiedenen Farben bereit und Fleckchen malte und malte. Matt und erschöpft, aber gleichzeitig glücklich, das Osterfest gerettet zu haben, saß er am Ende des Tages auf der Wiese. Fröhlich umtanzten ihn seine Freunde und sangen:

Pinsel färbt die Eier bunt,

habt ihr das gesehen?

Morgen werden sie versteckt

wolln zu den Kindern gehen.

Vom Rande der Wiese her ertönte eine wütende Stimme: „Haben es die Hasen doch geschafft und ich dachte, wenn ich die Pinsel verstecke fällt Ostern aus.“ „Tja, Fuchs Rotschwanz, Pech gehabt! Ostern findet statt und zwar morgen. Alle unsere Eier sind wunderschön bemalt, dank unseres Pinselchens“, freute sich der Hasenlehrer. Seit diesem Tag wurde Fleckchen nur noch Pinselchen gerufen. Dieser Name war für ihn immer eine Auszeichnung, hatte er doch mit seinem Schwänzchen das Osterfest gerettet.

 

© ChT