Annes Träume

 

Immer wenn Anne von ihrer Mutter gefragt wurde: „Mein Schatz wohin gehen wir heute?“ Antwortete das Mädchen; “Bitte zu den Pferden!“ Am Rande der Stadt befand sich ein Reiterhof, den sich Anne als Ziel auserkoren hatte. Sonntags durften die Kinder die Pferde zum reiten nutzen. In der Woche standen sie den Urlaubsgästen und Jugendlichen zur Verfügung von denen sie betreut wurden. „Wenn ich nur erst groß bin“, dachte Anne jeden Sonntagabend. Längst hatte sie die Mutti überzeugt, dass sie später richtig reiten lernen wollte. Schnell vergingen die Jahre.

Heute war Annes zwölfter Geburtstag. Alle ihre Freundinnen waren eingeladen. Als Höhepunkt hatte ihre Mutti die Pferde für zwei Stunden zum reiten gebucht. Bevor es an diesem Tag nach Hause ging durfte sich das Mädchen ein Pferd aussuchen für das es in Zukunft sorgen würde. Drei standen zur Verfügung. Ein Schimmel, ein Rappe und ein Brauner. Lange schritt Anne zwischen den Boxen hin und her, einfach war die Entscheidung nicht.

‚Jetzt fange ich schon an zu phantasieren’, dachte das sie, denn ihr war es, als ob der Rappe gerade gesprochen hatte. „Warst du das“, fragte sie ihn jetzt. „Wer denn sonst? Aber ich rede nicht mit jedem“, gab dieser zurück. „Es soll Rasmus sein“, kam Anne jubelnd zur Mutter gerannt. „Das ist eine gute Entscheidung“, lobte sie der Reitlehrer. In der kommenden Nacht träumte Anne von ihrem Pferd.

Als sie am nächsten Tag aus der Schule kam, warf sie die Mappe auf den Stuhl und schon war sie aus der Wohnung. Nun hatte sie zwei Stunden Zeit für ihr Pferd und das jeden Tag. So war es mit Mutti vereinbart. Bisher achtete der Reitlehrer noch besonders auf sie, immerhin war sie ein Jungspunt. So war sie nur selten mit dem Rappen alleine. Nach ein paar Tagen sah das schon anders aus. Bis zum Waldrand durfte sie nun alleine reiten. Endlich konnte sie ihre brennende Frage loswerden die sie seit Tagen beschäftigte. „Wieso kannst du sprechen“, fragte sie nun das Pferd. „Weil ich ein Zauberpferd bin. Ich bin an einem neunundzwanzigsten Februar geboren, was bei uns Pferde sehr selten ist. So erhielt ich die Gabe eure menschliche Sprache zu verstehen und mich mit euch zu unterhalten. Das weiß keiner im Reitstall, denn ich kann nur mit einem Menschen reden. Ich wählte dich aus.“ „Mein Rasmus“, sagte Anne zärtlich und streichelte ihm über die Mähne. „Ich danke dir für diese Ehre. Du sollst es immer gut bei mir haben.“

Jeden Tag besuchte das Mädchen den Rappen, reinigte seine Box und hatte immer eine kleine Belohnung für ihn in der Tasche. So verging die Zeit wie im Fluge. Schon wurde es kühler, der Herbst zog ein. Da geschah etwas Unerwartetes. Als die Beiden voller Elan über die Wiesen galoppierten, sprach Rasmus: „Hast du Lust auf einen Ausflug?“ „Was für einen Ausflug? Gefällt dir der Ritt nicht?“ „Kannst du dich entsinnen Anne, als ich dir das erste Mal von mir erzählte, sagte ich dir, ich sei ein Zauberpferd. Hast du das vergessen?“ „Nein natürlich nicht“, antwortete Anne. „Was kannst du zaubern?“ „Ich kann mit einem Sprung mit dir in andere Länder fliegen. Du brauchst mich nur am rechten Ohr zu zupfen und schon geht die Reise los.“ Wahnsinn!“, entfuhr es Anne. „Das versuchen wir morgen, da habe ich den ganzen Tag Zeit für dich, weil schulfrei ist.“

Vor Aufregung konnte Anne in dieser Nacht kaum schlafen. ‚Wohin würde Rasmus sie morgen entführen’, grübelte sie immer wieder. Als sie am nächsten Morgen außer Sichtweite des Reiterhofes waren zupfte sie den Rappen am rechten Ohr. Hui, was war das? So hatte sie sich immer eine Zeitschleuse vorgestellt. Beide landeten nach wenigen Sekunden auf einer herrlichen Wiese. „Oh wie im Paradies!“, rief Anne aus. Sie konnte es nicht fassen von soviel Schönheit umgeben zu sein. Blumen standen hier auf einer saftigen Wiese, in Farbe und Vielfalt kaum zu übertreffen. Nun glitt das Mädchen vom Pferderücken, dies Wunder wollte sie sich aus der Nähe betrachten. Mit der Nase tauchte sie in die Blüten um den Duft in tiefen Zügen zu inhalieren. „Wo hast du mich nur hingeführt, mein Zauberpferd“, fragte sie nun zärtlich. „Wir sind in den Vogesen, der Heimat meiner Vorfahren.“

Am liebsten wäre Anne immer hier geblieben, aber Rasmus erinnert: „Zupf mich am linken Ohr.“ Anne ahnte was jetzt kam und wurde traurig. Sie sah jedoch ein, dass es sein musste und schon befanden sie sich am Waldrand nahe dem Reiterhof. Ganz verträumt kam Anne an diesem Nachmittag nach Hause. Schon am kommenden Sonntag würde sie die nächste Reise mit ihrem Zauberpferd unternehmen. Rasmus zeigte seiner Reiterin die schönsten Teile der Erde. Stets hatte er Neues und Unbekanntes zu bieten. Anne genoss die Ausflüge voller Entdeckungslust.

© ChT